Das gekaufte Glück*
Silvestergeschichte für Groß und Klein – Kann man sich sein Glück erkaufen?
Einmal wollte ein Mann das Glück kaufen. Er hatte hart dafür gearbeitet und all sein Geld aufgespart. Zum Ende des Jahres war es so weit. Am Silvestertag wollte er es besitzen, das Glück. Und festhalten. Das hatte er sich vorgenommen.
Es schneite heftig, als der Mann an diesem Tag mit seinem alten VW-Käfer in die Kreisstadt fuhr. Hier wollte er sich mit Glück eindecken. Den größten Teil seiner Ersparnisse gab er im Lottoladen aus für Lottoscheine, Glückslose, Sonderlotterien, Superauslosungen, Jahreslose und Preisausschreiben. Damit all die Glückspapiere auch wirklich Glück brachten, kaufte er einen Karton voller Glücksbringer aus Plüsch, Holz, Pappe und Schokolade, dazu Hufeisen und Glückssteine, eine Glücksklee, in Töpfen gepflanzt und mit Fliegenpilzen und Schornsteinfegern aus Pappe verziert, Mistelzweige und eine Glückszauber-Alraune. Natürlich durften Schokoladen-Glückskäfer und Marzipan-Glückschweine nicht fehlen und weil der Mann sehr abergläubisch war, kaufte er gleich auch noch ein kleines Ferkel und zum Festessen einen Karpfen und eine Flasche Sekt. Dann war sein Geld aufgebraucht, doch das störte ihn nicht.
„Du bist mein Glücksbringer“, sagte er zu dem Schweinchen, als er es zu seiner übrigen Ausbeute in den Wagen packte, und machte sich auf den Heimweg. Sein Glück wollte er an diesem Abend in vollen Zügen auskosten und er freute sich auf sein Häuschen in dem Dorf jenseits des großen Waldes.
Das alte Auto ächzte unter der Last der Einkäufe. Es dämmerte bereits, als der Mann die Stadt hinter sich ließ. Nur langsam kam er auf der verschneiten Landstraße voran. Der Wind hatte zugenommen. An manchen Stellen hatte der den Neuschnee zu kleinen Schneehügeln verweht und der Mann hatte Mühe, den Verlauf der Straße zu erkennen. Es war eine lange, einsame, beschwerliche Fahrt durch den großen, dunklen Wald. Sie schien kein Ende zu nehmen.
„Bring mir Glück, kleines Schwein!“, bat der Mann das Glücksschwein, das in einem Korb auf der Rückbank saß und ab und zu durch ein zartes Quieken von sich hören machte.
Es quiekte auch jetzt, als antwortete es auf diese Bitte.
Der Mann nickte zufrieden.
„Mit so viel Glück kann uns nichts passieren“, sagte er.
Es war auch nicht mehr weit zu seinem Dorf.
Da, plötzlich, sah er das fremde Auto. Es war gefangen in einer Schneewehe. Gerade noch rechtzeitig konnte er bremsen, doch es gelang ihm nicht, seinen alten Käfer zum Halten zu bringen. Er rutschte und schlitterte und grub sich tief in den Schneeberg hinein.
Der Mann erschrak. Fast sein ganzes gekauftes Glück lag vorne im Kofferraum unter Schnee begraben.
Er erschrak noch mehr, als er die Frau in dem kleinen Wagen mit dem fremden Autokennzeichen entdeckte. Mit angstvoll geweiteten Augen blickte sie ihm entgegen.
„Mein Bein“, sagte sie. „Es ist verletzt. Ich kann nicht laufen. Bitte, helfen Sie mir!“
Der Mann nickte.
„Mein Haus ist nicht weit entfernt von hier“, sagte er und hob die Frau vorsichtig aus dem Wagen. „Ich werde Sie tragen. Warten Sie!“
Er reichte ihr den Korb mit dem Glücksferkel. Dann trug er die Frau und das kleine Schweinchen zu seinem Haus, das am Rande des Waldes hinter den Wiesen lag. Der Weg war nicht weit, aber beschwerlich. Mit Mühe kämpfte sich der Mann mit seiner ungewohnten Fracht über die verschneiten Wege. Er war müde und zutiefst bedrückt.
„Mein Glück“, murmelte er. „Nun habe ich mein Glück verloren.“
Er murmelte es immer wieder, während er die fremde Frau und das kleine Ferkel durch das Dunkel des Winterabends trug.
Er sagte es auch noch, als er die Frau später vorsichtig und sehr behutsam in den Sessel, der in der Küche neben dem Ofen stand, absetzte. Dann blickte er in ihre Augen … und schwieg.
Noch heute, viele Jahre später, sieht der Mann seine Frau oft lange und eindringlich an und beide denken dann zurück an jenen Winterabend, an dem das gekaufte Glück in einer Schneewehe versank.
© Elke Bräunling
Glücks”käfer”, Bildquelle © Sangeeth88/pixabay
Liebe Frau Bräunling,
eine wunderbare Geschichte, die ich mit Freude gelesen habe. Es sind zwar ein paar winzige Grammatikfehlerchen drin, aber das sind banale Unachtsamkeiten, die man schnell bereinigen kann. Ich meine ausdrücklich diesen Satz:
Damit all die Glückspapiere auch wirklich Glück brachten, kaufte er einen Karton voller mit Glücksbringer aus Plüsch, Holz, Pappe und Schokolade, dazu Hufeisen und Glückssteine, eine Glücksklee, in Töpfen gepflanzt und mit Fliegenpilzen und Schornsteinfegern aus Pappe verziert, Mistelzweige und eine Glückszauber-Alraune.
Ich werde in Zukunft öfter hier vorbeischauen. Ihr sprachlicher Duktus erinnert mich an eine längst vergangene Zeit und es tut mir gut, so etwas heutzutage zu lesen.
Herzliche Grüße
Peter
Hallo Peter,
schön, dass es Ihnen auf meinen Seiten gefällt. Seien Sie immer herzlich willkommen.
Auch willkommen sind Hinweise auf Fehler. Sie kennen es sicher: Man liest einen Text mehrere Male Korrektur und doch bleiben Flüchtigkeitsfehler, so wie auch hier in dem von Ihnen zitierten Satz. Das Wörtchen “mit” hat hier natürlich nichts zu suchen. Ich erinnere mich, dass ich zuerst “war voll mit …” geschrieben hatte. 😉
Danke fürs Zeigen und liebe Grüße,
Elke
PS: Ich überlege gerade: Könnte mein Sprachduktus von jungen Lesern als “altbacken” bezeichnet werden?
Und gerade lache ich selbst über mich …
Hallo Frau Bräunling,
ob man Ihre Art sich auszudrücken als “altbacken” bezeichnen könnte? Nicht unbedingt …
Nein, für mein Empfinden hebt sich Ihre Sprache wohltuend von einer allenthalben zu beobachtenden Grobheit “moderner” Sprache ab. Ich fühle mich ein bisschen an Hans Christian Andersen oder Michael Ende erinnert, sowohl was die Themenauswahl angeht als auch durch Ihre Erzählweise. Das möchte ich durchaus als Kompliment verstanden wissen. 😉
Lesen bildet bekanntermaßen. Ich finde es ganz wichtig, gerade in der heutigen Zeit sowohl jungen als auch erwachsenen Lesern eine etwas andere literarische Kost anzubieten, so wie Sie das tun. In der Hoffnung, dass sich derlei Lektüre auch auf den Wortschatz und die innerste Gedankenwelt des geneigten Lesers auswirkt und man auf diese Weise seinen winzigen Beitrag leisten kann, der zunehmenden gesellschaftlichen Verrohung entgegenzuwirken.
Machen Sie weiter so!
Herzliche Grüße
Peter
Hallo Peter!
Ich bin überwältigt von Ihren Worten und Vergleichen mit den ganz Großen. Dies zu lesen tut gut in diesen in vielerlei Hinsicht etwas düsteren Zeiten.
Danke dafür.
Und ja, mein Wunsch ist es, manchen Leser ein bisschen “aufzuwecken”. Der woke Zeitgeist in unserer Tiktok-Gesellschaft mit all seinen tragikkomischen Auswüchsen geißelt so manche Seele und weckt in mir den Widerstand zu einem “leisen”, vielleicht auch trotzigen Kampf mit Worten zwischen den Zeilen. Manchmal sehe ich kleine Erfolge …
Liebe Grüße und Ihnen eine gute Zeit