Ausgangssperre

Geschichte für Senioren zum Vorlesen – Wenn man plötzlich seine Freunde nicht mehr treffen darf

„Nein, Elfriede, wir werden nicht ins Café gehen. Das dürfen wir doch nicht!“
Lina schüttelte den Kopf. Wie konnte die Freundin nur so starrsinnig sein? Man hörte es doch jede Stunde in den Nachrichten, dass man in diesen Zeiten zuhause bleiben sollte. Um nicht mit diesem Virus angesteckt zu werden. Und um selbst niemanden anzustecken, falls man schon infiziert war. Alle wussten das. Na ja, fast alle. Nur Elfriede nicht. Sie hatte aber auch einen Sturkopf!
„Ich werde mir nicht vorschreiben lassen, was ich darf und was nicht! Ich bin achtzig Jahre alt, mir befiehlt keiner mehr etwas!“, schimpfte Elfriede und wandte sich beleidigt ab.
Lina kannte das, sie würde sich schon besinnen, wahrscheinlich würde es keine zehn Minuten dauern. Doch dieses Mal irrte sie. Vier Tage hatte Elfriede schon auf Kaffee und Käsesahnetorte im Stadtparkcafé Wieland verzichten müssen, und das hatte ihre Geduld schon weidlich überstrapaziert. Wenige Minuten später stand sie so wieder vor ihr, in Hut, Mantel und Stiefeln, und befahl:
„Beeil dich und zieh dir was Ordentliches über, sonst gehe ich alleine.“
Lina seufzte. „Die Cafés haben geschlossen, Elfriede. Sie haben es heute morgen im Radio gesagt!“
„Das weiß ich, ich bin ja nicht blöd! Wir holen uns eben ein Stückchen Käsekuchen beim Bäcker und genießen ihn später zu Hause. Ein Spaziergang vorher wird uns nicht schaden, nicht wahr?“
Lina staunte. Hatte die sture Freundin doch zugehört? Fast konnte sie es nicht fassen. So viel Vernunft war sie von ihr gar nicht gewohnt.
„Fein!“, freute sie sich. „Eine gute Idee!“
„Genau!“ Elfriede strahlte. „Zuvor machen wir einen Umweg zum Kriegerdenkmal. Dort warten Marlies, Gretchen, Anton, Anneliese und Herr Pinter auf uns zu einem Schwätzchen. Oh, das wird wieder nett sein!“
Das war zu viel für Lina. Zuerst wurde sie kreidebleich, danach krebsrot und sie jappte nach Luft.
„Linakind, was ist denn nur los?“, fragte Elfriede scheinheilig. „Du darfst dich doch nicht so aufregen!“
Lina fasste sich langsam wieder. „Du tust doch alles, dass ich genau das tue!“, schimpfte sie.
Elfriede lachte. „Wenn du endlich aufhören würdest, mich zu bemuttern, meine Liebe, dann müsste ich mich auch nicht wie ein ungezogenes Kind verhalten, verstehst du?“
Dann lachte sie. Laut und schallend und doch so herzlich, wie nur sie lachen konnte. Man musste sie einfach mögen, auch wenn das Leben mit ihr nicht immer einfach war.
Lina hörte auf, sich insgeheim die Haare zu raufen. Sie gab sich einen Ruck und dann lachte sie auch. Ein Lachen vermochte es schließlich immer noch am besten, trüben Zeiten ein warmes Licht zu schenken.

© Elke Bräunling

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausgangssperre und trotzdem Appetit auf Käsetorte, Bildquelle © Pexels/pixabay

Geschichte für Senioren zum Vorlesen, bei Veranstaltungen u. geselligem Beisammensein, im Seniorenheim und/oder Zuhause

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