Die erste Himbeere

Die erste Himbeere

Sommergeschichte vom Glück der Erinnerungen


Titel + Illustration Ältere Dame genießt eine Himbeere am Himbeerstrauch - im HIntergrund die Erinnerungen aus der Kindheit angedeutet„Manchmal genügt der Duft einer einzigen Himbeere, um einen ganzen Sommer zurückzubringen.“

Diese poetische Sommergeschichte erzählt von der ersten Himbeere am Strauch und von Erinnerungen, die plötzlich wieder lebendig werden. Sie führt zurück in Omas Obstgarten, zu heimlichen Naschereien, warmen Sommertagen und jenem besonderen Glück, das oft nur in der Kindheit verborgen liegt. Für ruhige Sommermomente, Erinnerungsrunden mit Senioren, Vorlesestunden und alle Menschen, die den Duft der Kindheit im Herzen tragen. Mit Arbeitsmodul.

 

Die erste Himbeere

Mit Andacht pflücke ich die erste Himbeere vom neu gepflanzten Strauch. Es ist die einzige rote.
Ich schnuppere an ihr. Lange. Schließe die Augen. Genieße. Stelle mir vor, wie ich sie auf meine Zunge lege und das Kitzeln ihrer zarten pelzigen Haut erspüre.
Ich verharre, genieße die Vorfreude. Sie duftet so würzig und ‚himbeerig‘ nach Sommer, dass ich einen jener Momente erlebe, in denen ich meine, das Glück durch meinen ganzen Körper rieseln zu spüren. So ein Moment ist das. Ein Moment puren Sommerglücks.
Ja, es ist da und es verharrt auch. So lange, wie auch ich innehalte, um es nicht so schnell zu verlieren. Es soll bleiben, dieses Gefühl, völlig in mir zu sein an diesem Sommertag. Eins und zufrieden, ja, glücklich.
Und glücklich lausche ich den Erinnerungen aus der Kindheit hinterher, in der wir barfuß durch Omas Obstgarten geschlichen sind nach hinten zu den Beerensträuchern.
„Pflücken verboten, sonst gibt es keine Marmelade“, hat Oma immer gesagt und dabei den Zeigefinger mahnend erhoben. Ihre Augen aber haben gelächelt und dieses Lächeln haben wir mitgenommen auf unserem Raubzug ins verbotene Beerenland. Es hat das Beerennaschen versüßt und den Sommerferientag so geadelt, dass Beeren – und verbotene Naschraubzüge – für immer nun in unseren Erinnerungen festgemeißelt sind.
Wenn wir später mit rot verschmierten Händen und Mündern wieder bei ihr in der Küche eintrafen, lachte Oma und sagte: „Ihr kleinen Räuber! Habt ihr auch für die Vögel noch etwas übrig gelassen – und für eure armen Großeltern?“
Arme Großeltern? Da lachten wir auch, denn in unseren Augen waren Oma und Opa riesig reich, weil sie einen so tollen, großen Garten hatten, den man nur erreichen konnte, wenn man den Mut hatte, den Weg alleine zu gehen durch das schmale, schattige, mit dichten Holunder-, Weißdorn und Wildrosensträuchern fast zugewachsene Pfädchen, das sich zwischen den Schuppen und Ställen hinter dem Haus hindurch schlängelte zum Garten und den Weinbergen hin.
Oma wohnte im Paradies!
Ja, es war ein Paradies und gerade liegt es in meinen Erinnerungen einladend vor mir.
Ich öffne die Augen und bin immer noch glücklich. Ein bisschen wehmütig glücklich.
„Danke, kleine Himbeere“, murmele ich, lege die Beere auf die Zunge und zerdrücke sie ohne weiter nachzudenken mit Zunge und Gaumen. Sie schmeckt sauer. Sehr sauer. Und sehr ‚himbeerig’, und darauf kommt es an.
Die Erinnerung an Omas Obstgarten begleitet mich nun durch den Tag, zusammen mit jenem Gefühl des absoluten Glücks, das sich oft nur in der Kindheit verbirgt.

💬 Welche kleine Erinnerung aus Ihrer Kindheit kann ein Duft oder Geschmack bis heute wieder lebendig machen?

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Illustration Ältere Dame genießt eine Himbeere am Himbeerstrauch - im HIntergrund die Erinnerungen aus der Kindheit angedeutet

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Die nachfolgenden Gedanken und Texte vertiefen die Geschichte und laden zum Erinnern, Nachdenken und Mitfühlen ein.

Diese Versionen sind sprachliche Bearbeitungen derselben Geschichte zur besseren Zugänglichkeit und stellen keine eigenständigen Werke dar.

Die erste Himbeere – Einfache Fassung

Mit großer Vorsicht pflückte ich die erste Himbeere vom neuen Strauch.
Es war die einzige rote Beere zwischen vielen noch grünen Früchten.
Ich hielt sie eine Weile in der Hand und roch an ihr.
Sie duftete nach Sommer.
Nach Sonne.
Nach Kindheit.
Plötzlich musste ich an meine Oma denken.
Hinter ihrem Haus lag ein großer Obstgarten.
Dort standen Beerensträucher, Obstbäume und hohe Holunderbüsche.
Wir Kinder schlichen oft heimlich dorthin.
„Nicht alles wegessen!“, sagte Oma immer mit strengem Gesicht.
Aber ihre Augen lachten dabei.
Natürlich naschten wir trotzdem.
Mit roten Fingern und verschmierten Mündern kamen wir später zurück in die Küche.
Oma tat dann empört.
„Ihr kleinen Räuber!“, rief sie.
Doch eigentlich freute sie sich.
Damals schien dieser Garten für uns das reinste Paradies zu sein.
Es gab schmale Wege, wilde Sträucher, Schattenplätze und überall etwas zu entdecken.
Heute ist vieles anders.
Aber manchmal genügt eine einzige Himbeere und plötzlich ist alles wieder da:
der Sommer, der Garten, die Kindheit und das Gefühl, für einen kleinen Moment vollkommen glücklich zu sein.
Ich legte die Himbeere auf die Zunge.
Sie schmeckte noch ziemlich sauer.
Aber auch wunderbar nach Sommer.
Und genau darauf kam es an.

Die erste Himbeere – Sehr einfache Fassung

Ich pflücke eine Himbeere.
Die erste rote Himbeere am Strauch.
Ich rieche an ihr.
Sie duftet nach Sommer.
Da denke ich an Oma.
Hinter ihrem Haus war ein großer Garten.
Dort gab es viele Beeren.
Wir Kinder naschten heimlich.
Oma wusste es natürlich.
„Ihr kleinen Räuber“, sagte sie und lachte.
Heute bin ich groß.
Aber die Himbeere erinnert mich noch immer an früher.
Ich lege sie auf die Zunge.
Sie schmeckt sauer.
Und wunderbar nach Sommer.

Fragerunde zur Geschichte

👉 Zum Verstehen
• Was pflückt die Erzählerin?
• Woran erinnert sie die Himbeere?
• Was machten die Kinder früher im Garten?
• Wie reagierte Oma darauf?
👉 Zum Erinnern
• Gab es früher Beerensträucher im Garten?
• Welche Früchte mochten Sie als Kind besonders?
• Wurde bei Ihnen Marmelade gekocht?
• Haben Sie früher heimlich genascht?
👉 Sinneserinnerungen
• Wie roch der Sommer früher?
• Welche Düfte erinnern Sie an Kindheit?
• Gibt es einen Geschmack, den Sie nie vergessen haben?
• Gibt es für Sie auch ein Obst, das sie in ihrer Kindheit liebten?
👉 Zum Erzählen
• Gab es bei Ihren Großeltern einen Garten?
• Welche Orte aus Ihrer Kindheit erinnern Sie besonders gern?
• Wo haben Sie früher gespielt?
👉 Lebensfragen
• Warum bleiben kleine Momente oft so lange im Herzen?
• Können Düfte Erinnerungen zurückbringen?
• Was bedeutet Glück für Sie?
👉 Abschlussfrage
• Welche kleine Erinnerung macht Sie heute noch glücklich?

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Sachtext: Warum Düfte Erinnerungen wecken können

Viele Menschen kennen das: Ein bestimmter Duft steigt plötzlich in die Nase und sofort tauchen Erinnerungen auf.
Da ist dann plötzlich der Geruch von gemähtem Gras wieder ganz nah, der Duft frisch gekochter, noch warmer Marmelade oder das heimelige Gefühl bei milden Sommerregentropfen, die so würzig rochen. Oder eben der Duft von Himbeeren.
Gerüche sind eng mit Erinnerungen verbunden. Oft wirken sie schneller und unmittelbarer als Bilder oder Worte. Ein Duft kann Menschen für einen kurzen Moment wieder zurück in frühere Zeiten versetzen und wie auf einer Zeitreise an längst vergangene Orte schicken. Und plötzlich erinnert man sich wieder an vergessen Geglaubtes: an einen Garten, an Ferien, an einen Menschen, ein herzliches Lächeln oder an ein bestimmtes Gefühl.
Besonders Kindheitserinnerungen sind oft mit Gerüchen verbunden. Das liegt daran, dass Kinder ihre Umgebung sehr stark über die Sinne wahrnehmen. Es sind die Düfte, die Geschmäcker, Geräusche und Berührungen, die im Bewusstsein geblieben sind und dort auf Abruf ruhen.
So genügt manchmal schon eine einzige Himbeere, um das Gefühl eines ganzen Sommers in einer lang vergangenen Zeit wieder lebendig werden zu lassen.
Viele ältere Menschen erleben solche Erinnerungsmomente besonders intensiv. Diese können Trost schenken und schöne Gefühle wecken und die Gedanken auf Reisen schicken.
So werden kleine Dinge wie zum Beispiel eine schlichte Himbeere manchmal zu einer großen Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

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Sachtext: Obstgärten und Beerensträucher früher

Früher gehörten Obstgärten für viele Familien ganz selbstverständlich zum Alltag. Hinter Häusern standen Apfel- und Birnbäume, Johannisbeer-, Stachelbeer- oder Himbeersträucher und oft auch kleine Gemüsebeete und Kräuterecken.
Im Sommer gab es dort immer etwas zu tun:
Kräuter schneiden und zum Trocknen bündeln, Gemüse ernten, Beeren und Kirschen pflücken, Obst sammeln und trocknen oder Marmelade kochen.
Viele Kinder verbrachten einen großen Teil der Ferien draußen im Garten. Dort wurde gespielt, genascht und geholfen. Besonders beliebt waren die Beerensträucher. Zu sehr lockten die süßen Früchte, die am leckersten schmeckten, wenn man sie selbst heimlich vom Busch ernten – oder ‚klauen‘ – konnte. Noch warm von der Sonne schmeckten sie besonders süß.
Fast jede Familie kennt Geschichten von Kindern mit roten Fingern, beerigen Mündern oder verschwundenen Himbeeren.
Für viele Menschen bedeuten solche Erinnerungen bis heute Sommer, Freiheit, Fröhlichkeit, Sorglosigkeit und eine Geborgenheit, die man sonst nur selten noch empfindet..
Obstgärten waren damals nicht nur Nutzgärten.
Sie waren Lebensräume voller Düfte, Geräusche und Erinnerungen und für viele ein begehrter Ersatz für Ferienreisen, die sich nicht jeder leisten konnte.

 

Mitmachideen für Senioren

🍓 Beeren-Erinnerungen
Welche Beeren gab es früher im Garten?
Welche mochten Sie am liebsten?
🌿 Duftmoment
An Himbeertee, Minze oder Holunder riechen.
Welche Erinnerungen kommen dabei?
🍯 Marmeladenrunde
Welche Marmelade wurde früher gekocht?
Gab es Lieblingssorten?
👣 Geheime Wege
Gab es früher verbotene Orte oder kleine Abenteuerplätze?
☀️ Glücksmomente sammeln
Welche kleinen Dinge machen glücklich?
Eine Frucht?
Ein Duft?
Ein Sommertag?

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Bewegungsimpulse: Sommergarten

🍓 Beeren pflücken.
Die Arme langsam nach vorne ausstrecken.
Mit den Fingern vorsichtig „pflücken“ – und vernaschen.
Augen schließen und dem Geschmack nachfühlen.
Genießen.
☀️ Sonne spüren.
Das Gesicht leicht anheben.
Die Wärme fühlen.
Ruhig ein- und ausatmen.
👣 Durch den Garten gehen
Kleine Schritte im Sitzen oder Stehen.
Atmen. Tief ein und aus.
Ein und aus.
🌿 Blätter im Wind
Die Hände sanft hin und her bewegen.
Vielleicht auch ein bisschen mit dem Wind tanzen.
🍃 Zum Abschluss
Die Hände locker in den Schoß legen und kurz nachspüren.

 

Fantasiereise: Im Obstgarten der Kindheit

Setzen Sie sich bequem hin.
Atmen Sie ruhig ein … und wieder aus.
Nun stellen Sie sich vor:
Sie gehen einen schmalen Gartenweg entlang.
Es ist Sommer. Die Luft ist warm.
Überall duftet es nach Sonne und nach reifen Früchten.
Links und rechts wachsen hohe Sträucher.
Holunder.
Wildrosen.
Und dahinter liegen die Beerensträucher.
Sie hören Bienen summen.
Und von Bäumen und Büschen das fröhliche Zwitschern der Vögel.
Spatzen streiten.
Sie lächeln.
Dann gehen Sie langsam weiter.
Der Weg führt tiefer in den Garten hinein.
Und dann entdecken Sie sie:
kleine rote Himbeeren zwischen grünen Blättern.
Vorsichtig pflücken Sie eine Beere.
Ganz weich fühlt sie sich an.
Vielleicht erinnert Sie dieser Moment an früher.
An Sommertage.
An Ferien.
An Spiele im Garten.
An den Duft warmer Marmelade.
An einen geliebten Menschen.
An Ihre Großmutter.
In der Ferne hören Sie vielleicht sogar eine Stimme aus der Küche:
„Nicht alles wegessen!“
Und vielleicht müssen Sie lächeln.
Bleiben Sie noch einen kleinen Moment in diesem Garten Ihrer Erinnerung.
Alles ist ruhig.
Alles ist warm und vertraut.
Dann kehren Sie langsam wieder zurück.
Schritt für Schritt.
Und vielleicht bleibt ein kleines Sommergefühl noch eine Weile bei Ihnen.
Und vielleicht auch Omas Lächeln, das nun auf Ihrem Gesicht liegt?

 

© Elke Bräunling

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