Kirschenkinder

Kirschenkinder

Fröhliche Sommergeschichte und Kirschenliebe

Titelbild: Zwei lachende ältere Frauen mit Kirschenohrringen unter einem Kirschbaum – Sommergeschichte über Freundschaft und KindheitserinnerungenVon Kirschen in Nachbars Garten und alten Freundschaften

Kirschen schmecken nach Sommer, Kindheit und kleinen Abenteuern. Diese heitere Sommergeschichte erzählt von zwei alten Freundinnen, die sich seit ihrer Kindheit kennen, sich bis heute necken und doch zusammengehören – so wie die Kirschen am selben Stiel. Eine Geschichte über Erinnerungen, Freundschaft und die Freude an den kleinen Dingen des Lebens.

 

Kirschenkinder

„Ich bin ein Kirschenkind“, sagte Oma und pflückte eine Handvoll Kirschen vom Baum, der im Garten von Nachbarin Becker stand.
Ein bisschen musste sie sich recken, um den Ast mit den Früchten zu erreichen. „Für Kirschenkinder hängen die herrlich feinen roten Früchtchen nie zu hoch.“
„Eine Diebin bist du“, sagte Sara.
„Das ist Mundraub.“ Oma steckte sich eine Kirsche in den Mund. „Siehst du, schon ist sie in meinem Mund verschwunden. Ein kleiner Raub aus großem Hunger ist immer ein Mundraub.“
Sara sah sich um. Hoffentlich hatte sie keiner gesehen. Zu peinlich wäre es, wenn jemand Oma beim Klauen beobachtet hätte. Sie schüttelte den Kopf.
„‚Mundraub‘ ist ein altmodisches Wort. Es gilt nicht mehr, wenn man aus Hunger stiehlt. Das haben wir in der Schule gelernt.“
„Oh!“ Oma grinste. „Dann lass uns mal hoffen, dass mich die olle Becker nicht beim Raub ihrer kostbaren Kirschen beobachtet hat.“
In Omas Stimme klang ein Lachen.
Sara grinste. Oma war schon manchmal ganz schön schräg drauf.
„Vielleicht hat sie dich beim Klauen fotografiert“, neckte sie mit einem Grinsen.
„Das wäre ihr zuzutrauen“, murrte Oma. „Dabei war sie auch kein Kind von Traurigkeit, damals, als wir gemeinsam durchs Dorf gezogen sind und mit unserer Bande allerhand Unsinn angestellt hatten. Schön war das. Und die Beckersche war eine der wildesten von uns. Damals.“
Sie langte zum Kirschzweig und pflückte sich noch ein paar Kirschen.
„Als Kirschenkind muss ich kosten, ob die Früchte süß genug sind.“
„Genau“, hallte da Frau Beckers Stimme aus dem Garten. „Sie mögen dir wohl schmecken, meine Kirschen.“
„Oh!“, machte Sara.
„Oh … Hanna!“ Oma geriet ins Stottern. „Wie geht es dir? Ich …“
Frau Becker, die einmal Omas Freundin und ein wildes ‚Bandenmitglied‘ gewesen war, winkte ab.
„Lass stecken! Meinst du, ich weiß nicht, dass du dich jedes Jahr an meinem Kirschbaum bedienst?“ Sie lachte und ihr sonst so griesgrämiges Gesicht sah auf einmal richtig schön aus. „Wir Kirschenkinder dürfen das.“
„Recht hast du, Hanna“, sagte Oma. „Wir dürfen das, und wenn die Kirschen an meinem Schwarzkirschbaum reif sind, wirst du dir dein Recht ebenfalls nehmen. Auch wie jedes Jahr. Und ohne Mundraub.“
„Stimmt. Das ist Tradition. Und hinterher streiten wir uns wieder ein Jahr lang. So wie immer schon, nicht wahr?“
Oma lachte wieder. „Kirschenkinder dürfen das“, sagte nun auch sie.
Sara begriff gar nichts mehr. Warum scherzten die beiden Frauen miteinander? Sonst waren sie sich spinnefeind und schenkten einander nur böse Blicke. Komisch.
„Warum seid ihr beide denn Kirschenkinder?“, fragte sie.
„Weil wir beide schon als Babys in unseren Wägen nebeneinander unter den blühenden Kirschbäumen hier im Garten gelegen haben. Später haben wir uns hier zum Spielen getroffen“, erklärte Frau Becker.
„Zum Spielen und zum Streiten“, ergänzte Oma. „Und das halten wir weiter so, bis man uns zu Grabe trägt. Denn eigentlich können wir uns auf den Tod nicht ausstehen und doch mögen wir uns irgendwie.“ Sie kicherte. „Das ist eben so bei Kirschenkindern.“
„Genau“, pflichtete Hanna Becker ihr zu.
Dann lachten sie beide.
Die Kirschenzeit war eben eine besonders gute Zeit. Man musste auch nicht alles verstehen.

© Elke Bräunling

Illustration: Zwei lachende ältere Frauen mit Kirschenohrringen unter einem Kirschbaum – Sommergeschichte über Freundschaft und Kindheitserinnerungen


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Kirschenkinder – Einfache Kurzfassung

„Ich bin ein Kirschenkind“, sagte Oma und pflückte ein paar rote Kirschen vom Baum der Nachbarin.
„Oma! Das darfst du doch nicht!“, rief Sara erschrocken.
Oma zwinkerte. „Nur ein paar zum Probieren.“
Da hörte man plötzlich eine Stimme.
„Lass sie dir schmecken!“
Es war Frau Becker. Sara hielt den Atem an. Jetzt würde es bestimmt Ärger geben.
Doch Frau Becker lachte.
„Du naschst doch jedes Jahr von meinem Kirschbaum.“
„Und du jedes Jahr von meinem“, lachte Oma zurück.
„So machen wir das schon unser ganzes Leben.“
Sara staunte.
„Warum denn?“
„Weil wir Kirschenkinder sind“, erklärte Frau Becker. „Schon als kleine Mädchen haben wir unter den Kirschbäumen gespielt, gelacht und gestritten.“
„Und gestritten haben wir bis heute“, ergänzte Oma schmunzelnd. „Aber die Kirschen teilen wir trotzdem.“
Da musste sogar Sara lachen.
Manche Freundschaften sind eben stärker als jeder kleine Streit.

 

Fragerunde

1 Welche Früchte pflückt Oma vom Baum?
2 Warum erschrickt Sara?
3 Was meint Oma mit dem alten Wort „Mundraub“?
4 Wie reagiert Frau Becker, als sie Oma entdeckt?
5 Woher kennen sich Oma und Frau Becker?
6 Warum nennen sie sich „Kirschenkinder“?
7 Was machen die beiden Frauen schon ihr ganzes Leben miteinander?
8 Was versteht Sara am Ende über die Freundschaft der beiden?
9 Haben Sie früher auch Kirschen direkt vom Baum gegessen?
10 Gab es in Ihrer Kindheit einen Obstbaum, an den Sie sich besonders gern erinnern?
11 Welche Sommerfrüchte mochten Sie als Kind am liebsten?
12 Kennen Sie Menschen, mit denen Sie sich manchmal streiten und die Ihnen trotzdem wichtig sind?
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Mitmachideen

Was gehört für Sie zur Kirschenzeit?
• Kirschen direkt vom Baum naschen?
• Kirschkerne weit spucken?
• Kirschkuchen backen?
• Kirschenohrringe tragen?
• Auf den Baum klettern?
• Oder etwas ganz anderes?

Kirschenohrringe
Kennen Sie den alten Sommerschmuck noch?
Zwei zusammenhängende Kirschen wurden vorsichtig über die Ohrmuschel gehängt. Schon hatte man die schönsten Ohrringe der Welt.
Haben Sie das als Kind auch gemacht?
Erzählen Sie davon. Vielleicht probieren Sie es sogar noch einmal aus. Man ist nie zu alt für eine kleine Sommererinnerung. 🍒

Gemeinsam ausprobieren
Wenn gerade Kirschenzeit ist, probieren Sie es doch einmal aus.
Hängen Sie sich zwei Kirschen vorsichtig ans Ohr und machen Sie ein Foto. Vielleicht müssen Sie dabei genauso lachen wie Oma und Frau Becker.

 

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