Das Lied vom weißen Flieder
Das Lied vom weißen Flieder
Erinnerung an eine Liebe im Frühling
Erinnerungen an ein Fliederjahr vor langer Zeit
„Manche Erinnerungen tragen einen Duft – und bleiben ein Leben lang.“
Diese ruhige Frühlingsgeschichte erzählt von einem alten Lied, einer vergangenen Liebe und dem Zauber des Fliederdufts.
Sie eignet sich besonders für Senioren, ruhige Vorlesemomente und Gesprächsrunden über Erinnerungen, erste Liebe und die Kraft von Musik und Düften. Mit Arbeitsmodul (Kurze einfache Fassungen, Fragerunde, Fantasiereise, Mitmachideen, Bewegungsimpulse, Sachtext)
Inhalt
Originalgeschichte
Einfache Fassung
Sehr einfache Fassung
Fragerunde
Der Duft des Flieders
Erinnerungsimpulse
Fantasiereise
Warum der Mai als Monat der Liebe gilt
Das Lied vom weißen Flieder
„Wenn der weiße Flieder wieder blüht, sing ich dir mein schönstes Liebeslied. Immer, immer wieder knie ich vor dir nieder, trink mit dir den Duft vom weißen Flieder. Wenn der weiße Flieder … lala laaa …“
Eine fröhlich klingende Stimme sang dieses Lied. Laut. Aus vollster Kehle. Irgendwo in den engen Gassen der Altstadt, dort, wo man sich in den angrenzenden Häusern längst zum Schlafen gelegt hatte. Ein Liebeslied zum Frühling mitten in der Nacht. So etwas aber auch!
Da, nun kam er näher, der Gesang. Laut und unverzagt hallte er zwischen den Hauswänden der Kapuzinergasse hin und her. Der Hall machte das Lied lauter. Und fordernder, irgendwie.
Aber hallo?
Einige der Bewohner, die noch nicht ganz so fest schliefen, schraken hoch.
Was für ein nettes, fröhliches, altmodisches Lied. Lange hatte es das hier nicht mehr gegeben, dass hier jemand sang. Eigentlich nie. Und so manch einer freute sich, auf diese Weise in den Schlaf gewiegt zu werden. Andere schoben nochmals die Vorhänge zur Seite oder öffneten die Fenster. Man wollte sehen, was da draußen los war. Es passte auch so gut in diese laue Mainacht. Flieder und Frühling und Mai und Liebe. Viele Gedanken weckten diese Worte. Träume. Vergessenes auch. Verdrängtes.
„Was für ein schönes Lied!“, rief von irgendwoher eine Stimme. Sie klang erfreut.
„Unverschämtheit, dieser Lärm mitten in der Nacht!“, schimpfte es von anderswoher.
„Wie früher“, sagte Opa Bergrecht, der auf den Balkon vor seinem Wohnzimmer getreten war und nach der Sängerin Ausschau hielt. „Das Lied haben wir früher oft gesungen. Und getanzt haben wir auch.“
Nun verzog er doch etwas schmerzhaft das Gesicht. So wie er es immer verzog, wenn er an die Tanzstundenzeit erinnert wurde. Nein, mit Tanzen hatte er nichts am Hut. Damals, na ja, damals war es etwas anderes gewesen. Alles war damals anders, irgendwie.
Seine Gedanken schweiften zurück in eine Zeit, die er längst glaubte, vergessen zu haben. Er sah das junge Mädchen von damals wieder vor sich. Maria hieß sie. Maria mit den schwarzen Locken und den veilchenblauen Augen. Wie war er doch verliebt in sie gewesen! Und einmal in einer jener lauen, blütensüß duftenden Frühlingsnächte war er mit ihr nach dem Maienfest in der Stadthalle durch die Straßen gezogen. Singend. Tanzend. Und ein paar Ecken weiter, am Kapuzinergarten, hatte es so wundersüß nach Flieder geduftet, dass er für sie das Lied vom weißen Flieder gesummt hatte. Gesummt und gepfiffen. Sein Lied für Maria. Dann hatten sie getanzt – mitten auf der Straße – und er hatte ihr eine Fliederblüte in den Ausschnitt gesteckt. Ah! Dieser Duft!
Für einen Moment war es, als stünde sie wieder neben ihm. So nah, dass er fast glaubte, ihre Hand zu spüren. Der Duft des Flieders hatte sie zurückgebracht. Nicht ganz, aber ein wenig.
Was für eine bezaubernde Erinnerung! Er hatte sie ganz vergessen gehabt, die Maria mit den veilchenblauen Augen und dem Liebeslied des weißen Flieders. Wohin es sie wohl in diesem Leben verschlagen hatte?
Opa Bergrecht atmete tief ein und aus. Duftete es heute Abend nicht auch genau so wie damals? Nach Flieder? Blütensüß und schwer! Der Kapuzinergarten war ganz in der Nähe. Ob es die Fliederbüsche noch gab? Morgen, nahm er sich vor, gleich morgen würde er nachsehen und, wenn niemand in der Nähe war, wie damals eine Blüte ‚klauen‘.
© Elke Bräunling
* Liedtext Fritz Rotter (* 3. März 1900 in Wien; † 11. April 1984 in Ascona)
💬 Gibt es ein Lied oder einen Duft, der dich sofort an einen besonderen Menschen erinnert?

Duftige Erinnerungen
Die nachfolgenden Gedanken und Texte vertiefen die Geschichte und laden zum Erinnern, Nachdenken und Mitfühlen ein.
Die folgenden Versionen sind sprachliche Bearbeitungen derselben Geschichte zur besseren Zugänglichkeit und stellen keine eigenständigen Werke dar.
Das Lied vom weißen Flieder – Kurze, einfache Fassung
In einer milden Maiennacht klingt plötzlich ein Lied durch die engen Gassen der Altstadt:
„Wenn der weiße Flieder wieder blüht …“
Die Stimme ist hell und unerschrocken.
Sie hallt zwischen den Häusern wider, weckt die einen, erfreut die anderen.
Manche schimpfen, andere öffnen die Fenster und hören zu.
Auch Opa Bergrecht tritt auf den Balkon.
Er lauscht … und lächelt.
„Wie früher“, sagt er leise.
Das Lied trägt ihn zurück in eine längst vergangene Zeit.
Er denkt an Maria.
An ein Mädchen mit dunklen Locken und veilchenblauen Augen.
Damals, nach einem Maienfest, waren sie gemeinsam durch die Straßen gegangen.
Sie hatten gesungen, gelacht und schließlich getanzt.
Mitten auf der Straße, als der Duft des Flieders sie umgab.
Für sie hatte er das Lied gesummt.
Sein Lied.
Vom Fliederstrauch am Kapuzinergarten hat dann eine Fliederblüte „geklaut“.
Er hat sie Maria geschenkt.
Opa Bergrecht hält inne.
Für einen Moment ist alles wieder da.
Der warme Abend, der süße Duft, die leise Aufregung eines jungen Herzens.
Fast glaubt er, Marias Nähe wieder zu spüren.
Er atmet tief ein.
Duftet es nicht auch heute wieder so warm und süß?
Nach Flieder und Frühling?
„Morgen gehe ich zum Kapuzinergarten“, sagt er leise. „Zum Fliederstrauch“
Und während das Lied langsam verklingt, bleibt die Erinnerung … still und kostbar.
© Elke Bräunling
Diese Fassung erzählt den Inhalt der Originalgeschichte in sehr vereinfachter, klarer Sprache mit kürzeren Sätzen.
Das Lied vom weißen Flieder – Sehr einfache Fassung
In einer warmen Maiennacht erklingt plötzlich ein Lied in den engen Gassen der Altstadt.
Jemand singt laut und fröhlich:
„Wenn der weiße Flieder wieder blüht …“
Manche Menschen wachen auf.
Einige ärgern sich.
Andere hören still zu.
Auch Opa Bergrecht tritt auf seinen Balkon.
Er lauscht.
„Wie früher“, sagt er leise.
Das Lied weckt Erinnerungen.
An eine Zeit, die lange zurückliegt.
Er denkt an Maria.
Ein Mädchen mit dunklen Locken und blauen Augen.
Damals, nach einem Maienfest!
Sie waren gemeinsam durch die Straßen gegangen.
Sie hatten gelacht, gesungen und getanzt.
Am Kapuzinergarten duftete es stark nach Flieder.
Dort hatte er für sie das Lied gesummt.
Und dann hatten sie getanzt.
Mitten auf der Straße.
Er hatte ihr eine Fliederblüte geschenkt.
Opa Bergrecht lächelt.
„Wie lange das her ist“, denkt er.
Und doch ist alles plötzlich wieder ganz nah.
Er atmet tief ein.
Vielleicht duftet es noch immer so wie damals.
„Morgen gehe ich hin“, sagt er leise.
„Zum Fliederbusch.“
© Elke Bräunling
Fragerunde
👉 Zum Verstehen
• Was hört Opa Bergrecht in der Nacht?
• Woran erinnert ihn das Lied?
• Was möchte er am nächsten Tag tun?
👉 Zum Nachdenken
• Warum können Lieder Erinnerungen wecken?
• Welche Düfte bleiben besonders im Gedächtnis?
• Was bleibt von früher?
👉 Zum Erzählen
• Kennst du ein Lied, das dich an früher erinnert?
• Gab es einen Ort, an dem du gern warst?
• Erinnerst du dich an einen besonderen Frühlingsmoment?
👉 Für Senioren / Erinnerungen
• Wurde früher mehr gesungen als heute?
• Welche Lieder wurden bei Festen gesungen?
• Welche Düfte verbindest du mit deiner Jugend?
👉 Zum Erinnern – Frühling & Liebe
• Erinnern Sie sich an eine erste Verliebtheit?
• Gab es ein Lied, das Sie damit verbinden?
• Hat ein Duft Sie einmal an einen Menschen erinnert?
• Wo haben Sie jemanden kennengelernt, der Ihnen wichtig wurde?
Der Duft des Flieders
Flieder gehört zu den typischen Frühlingsblühern.
Sein Duft ist intensiv, süß und für viele Menschen unverwechselbar.
Gerade dieser Duft hat eine besondere Wirkung.
Er kann Erinnerungen wachrufen, die lange verborgen waren.
Ein kurzer Moment genügt … und plötzlich ist ein Bild wieder da.
Das liegt daran, dass Gerüche eng mit unserem Gedächtnis verbunden sind.
Sie sprechen oft direkt die Gefühle an.
Deshalb verbinden viele Menschen den Flieder mit bestimmten Zeiten ihres Lebens:
mit Frühlingstagen, Festen oder Begegnungen.
So wird der Flieder nicht nur zu einer Pflanze, sondern zu einem Träger von Erinnerungen.
Erinnerungsimpulse
Mach mit: Ein stiller Erinnerungsmoment
Setzen Sie sich einen Moment ruhig hin.
* Denken Sie an einen Duft, den Sie gut kennen.
Vielleicht Flieder. Oder eine andere Blume.
* Gab es einen Ort, an dem Sie diesen Duft oft wahrgenommen haben?
Bleiben Sie einen Moment bei diesem Bild.
Zum Nachspüren:
• Was sehen Sie?
• Wer ist bei Ihnen?
• Wie fühlen Sie sich?
Erinnerungen dürfen kommen und gehen.
* Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch eine stille Straße.
Es ist Abend.
Die Luft ist mild.
Am Weg steht ein Fliederbusch.
Voll mit kleinen Blüten.
Sie bleiben stehen.
Vielleicht nehmen Sie den Duft wahr.
Sanft. Süß. vertraut.
Ein Moment nur.
Vielleicht erinnert Sie etwas daran.
Ein Mensch. Ein Ort.
Bleiben Sie einen Augenblick dort.
Dann gehen Sie langsam weiter.
Und wenn Sie möchten, öffnen Sie wieder die Augen.
Mach mit: Ein Moment der Zuneigung
Setzen Sie sich einen Moment ruhig hin.
Denken Sie an einen Menschen, der Ihnen einmal wichtig war.
Das kann lange her sein.
Vielleicht erinnern Sie sich an:
• ein Lächeln
• ein Wort
• einen gemeinsamen Moment
Es muss nichts Großes sein.
Bleiben Sie einen Augenblick bei diesem Gefühl.
Zum Nachspüren:
• Was hat diesen Menschen besonders gemacht?
• Was ist geblieben?
Auch leise Erinnerungen dürfen wertvoll sein.
Mach mit: Sanfte Bewegungsimpulse
🌸 Eine Blüte öffnen
Falten Sie die Hände locker zusammen.
Dann öffnen Sie sie langsam wie eine Blüte.
🍃 Den Duft aufnehmen
Führen Sie die Hände zur Nase.
Atmen Sie ruhig ein und aus.
🌿 Leichtes Schwingen
Wiegen Sie sich sanft von einer Seite zur anderen.
Wie ein Zweig im Wind.
👉 Alles ruhig und ohne Anstrengung.
Fantasiereise: Im Fliedergarten
Setze dich bequem hin.
Vielleicht möchtest du die Augen schließen.
Atme ruhig ein …
und wieder aus.
Noch einmal einatmen …
und langsam ausatmen.
Du musst nichts tun.
Nur da sein.
Stelle dir nun vor, du gehst durch eine stille Straße.
Es ist Abend.
Die Luft ist mild und weich.
Die Häuser stehen ruhig da.
Kein Lärm, kein Trubel.
Nur deine Schritte begleiten dich.
Langsam gehst du weiter.
Und dann siehst du ihn:
einen großen Fliederbusch.
Voll mit kleinen, hellen Blüten.
Du bleibst stehen.
Vielleicht nimmst du den Duft wahr.
Sanft. Süß. Ein wenig schwer.
Ein Duft, der bleibt.
Atme ihn ruhig ein.
Und wieder aus.
Vielleicht erinnert dich dieser Duft an etwas.
An einen Ort.
An einen Menschen.
Du musst nichts suchen.
Lass dir Zeit!
Es darf einfach kommen.
Dann gehst du ein paar Schritte näher.
Vielleicht streifst du mit der Hand ganz leicht über die Blüten.
Ganz vorsichtig.
Sie sind weich und zart.
Bleibe hier für einen Moment.
Genieße den Frühlingsabend.
Setze dich in Gedanken auf eine Bank unterm Fliederbusch.
Ringsum ist es ruhig.
Deine kleine Welt duftet süß.
Schnuppere!
Atme!
Ein und aus.
Ganz ruhig.
Der Abend wird stiller.
Und der Duft bleibt bei dir.
Vielleicht ist da ein Gefühl.
Leise. Warm.
Vielleicht ist da eine Erinnerung.
Oder nur ein Hauch davon.
Alles ist gut so, wie es ist.
Nach einer Weile stehst du wieder auf.
Langsam gehst du den Weg zurück.
Schritt für Schritt.
Der Flieder bleibt hinter dir und doch nimmst du etwas mit.
Nun öffne langsam wieder die Augen.
Vielleicht ist da ein kleines, gutes Gefühl in dir.
Ein Moment nur.
Manchmal reicht das schon.
Warum der Mai als Monat der Liebe gilt
Der Mai wird seit vielen Jahrhunderten als „Monat der Liebe“ bezeichnet.
In dieser Zeit beginnt die Natur neu zu wachsen.
Alles wirkt lebendig, offen und voller Energie.
Früher wurden im Mai Feste gefeiert, bei denen Menschen zusammenkamen, sangen und tanzten.
Oft entstanden dabei neue Begegnungen, und nicht selten auch erste Liebesgeschichten.
Auch bestimmte Pflanzen, wie Flieder oder Maiglöckchen, wurden mit Liebe und Zuneigung verbunden.
Ihr Duft galt als etwas Besonderes, als etwas, das Gefühle wecken kann.
So ist der Mai bis heute für viele Menschen eine Zeit, in der Erinnerungen an Nähe, Begegnungen und leise Verliebtheit wach werden.
© Elke Bräunling
Weitere Frühlingsgeschichten
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🚶♂️ Eine Frühlingswanderung zur Burg
🌱 Einmal wieder barfuß über eine Wiese gehen
🌼 Wenn die Himmelsschlüssel läuten
💛 Frühlingsgefühle und die kostbare Lebenszeit
🌳 Im Mai ist es im Wald am schönsten
.

Ich finde diese Geschichten so wunderbar. Ich verwende sie zur Entspannung in einer Tagespflege für Senioren, vorwiegend an Demenz erkrankte, nachmittags beim Kaffee trinken. Vorallendingen sind sie nicht lang, so das keiner überfordert wird. Auch persönlich lese ich sie voller Spannung. Ich danke Ihnen dafür.
Herzlichen Dank für Ihr Feedback. Es freut mich sehr und es motiviert auch.
Haben Sie noch viel Freude mit den Geschichten.
Eine schöne Maienzeit für Sie und „Ihre“ Senioren.
Liebe Grüße
Elke
Hallo Elke,
wir machen einmal monatlich im Seniorenpark und in der Tagespflege jeweils Powerpoint-Shows mit Erinnerungen zu verschiedenen Themen. Morgen gibt es das Thema Blumen mit Informationen, Gedichten und Musik.
Zum Thema Flieder habe ich dann Text und Gesang von Romy Schneider & Willy Fritsch eingefügt. Dort werde ich zuvor noch Deine Geschichte einfließen lassen.
Schon häufig hatten wir schöne Geschichten und Gedichte von Dir gefunden.
Heute war ich noch auf der Suche nach dem Gedicht :
„Dort steht der Himmelschlüssel fürwahr
Am selben Fleck wie im vorigen Jahr,
Und läutet mit all seinen Blüten fein
Den ganzen Tag den Frühling ein.“
und bin auf die geschichtenseiten.de gestoßen.
Ein riesiges Lob an Deine umfangreiche Sammlung, ich kann mich gar nicht vom Rechner losreisen, so fasziniert bin ich über Deine wunderbaren Texte. Als „gestandener“ 73-jähriger Rentner habe ich manchmal Tränen in den Augen und liebevolles Schmunzeln.
Die Senioren in Langenselbold werden wohl noch öfters Geschichten von Dir zu hören bekommen :-). Vielen lieben Dank für diese schönen Seiten.
Viele Grüße
Margitta und Ulrich
Das freut mich sehr.
Ich wünsche euch viel Freude mit meinen Texten.
Danke für euren lieben Kommentar und schöne Grüße, Elke