Wo ist der Henkelmann?

Wo ist der Henkelmann?

Geschichte für Groß und Klein


Titel + Illustration älterer fröhlicher Mann sitzt im Garten vor einem Henkelmann mit dampfender SuppeErinnerungen an ganz besondere Mahlzeiten am Arbeitsplatz

Manche Erinnerungen haben einen eigenen Geschmack.
Diese Geschichte erzählt vom Henkelmann, von warmem Essen bei der Arbeit und davon, wie kleine Dinge aus der Vergangenheit noch heute Nähe und Geborgenheit schenken können.
Sie eignet sich für Erwachsene und Senioren, für Vorleserunden, Gesprächskreise, Biografiearbeit, Erinnerungsarbeit und alle, die sich für das Arbeitsleben früher und seine Alltagskultur interessieren. Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde.

 

 

 

Wo ist der Henkelmann?

Werner war den ganzen Vormittag im Keller beschäftigt. Er suchte etwas, das er nicht benennen konnte.
„Ich habe vergessen, wie es heißt!“, sagte er. „Ich suche einen Topf mit Deckel und Klammer. Er ist alt und aus Aluminium und er hatte damals schon ein paar Beulen.“
„Wofür brauchst du diesen Topf denn?“, wollte seine Tochter Anne wissen, die keine Ahnung hatte, was ihr Vater meinen könnte.
„Deine Großmutter hat ihn mir jeden Tag mit zur Arbeit gegeben. Mal war eine Suppe drin, aber auch mal Kartoffeln mit Soße und Gemüse“, sagte Werner. „Wir hatten alle solche Töpfe. Auf der Arbeit stellten wir sie in ein Wasserbad, um den Inhalt zu erwärmen.“
„In ein Wasserbad?“ Anne stutzte.
Was fantasierte ihr Vater da? Das kannte sie nicht von ihm. Wie kam er nur darauf? Es musste mit der Fernsehsendung gestern Abend zu tun haben. Die hatte ihn nachdenklich gestimmt. „Arbeitsleben früher“ war das Thema. Ob seine Frage damit etwas zu tun hatte?
„Ja, in ein Wasserbad. Meine Kollegen hatten fast alle so einen Topf. Eine Stunde vor der Mittagspause stellte der Lehrling diese Pötte ins heiße Wasser, damit wir pünktlich um Zwölf essen konnten“, erklärte Werner „Oma hat immer dafür gesorgt, dass etwas Leckeres darin war.“
Er legte jeweils Zeige- und Mittelfinger an die Schläfen und massierte die Haut leicht, als könnte er die Erinnerung damit heraus massieren und tatsächlich, da kam etwas.
Da kommt der alte Enkelmann mit seinem alten Henkelmann!“, sang er und seine Augen strahlten. „Ich hab’s, es war der Henkelmann! Wo der wohl hingekommen ist?“
Jetzt erinnerte sich Anne. Wie sehr hatte sie es sich gewünscht, auch einen Henkelmann in die Schule mitzunehmen! Und wie sehr hatte sie sich gefreut, wenn sie ihren Vater auf der Arbeit besuchen und mit ihm gemeinsam aus dem Henkelmann naschen durfte.
„Das war eine feine Sache“, sagte sie. „Und die Suppe hat aus deinem Henkelmann soo viel besser geschmeckt. Obwohl es die gleiche war wie daheim auf dem Teller.“ Sie lachte.
Ihr Vater lachte auch. „Das ist der Henkelmannzauber. Ich wette, er würde auch heute noch funktionieren.“
„Dann werde ich deinen Henkelmann bald mal suchen!“, schlug Anne vor. „Und für heute schlage ich vor, ich bringe dir deine Suppe nachher in den Garten, ganz so wie Mama es früher gemacht hat.“
Das gefiel Werner. Er zog sich seine Gummistiefel an und ging in den Garten zum Laub harken. Als Anne später mit einem Topf Suppe zu ihm kam, strahlten seine Augen. Die leckere Suppe war zwar nicht im Henkelmann, aber mit ein wenig Fantasie konnte er sich das vorstellen. Geschmeckt hat das Mahl so gut wie lange nicht.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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💬 Abschlussfrage
Gibt es einen Gegenstand aus deiner Arbeitszeit, an den du dich besonders gern erinnerst?

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Illustration älterer fröhlicher Mann sitzt im Garten vor einem Henkelmann mit dampfender Suppe

 

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Kurzfassung

Wo ist der Henkelmann?

Einfache Kurzfassung für Senioren

Werner suchte im Keller nach etwas, an das er lange nicht gedacht hatte.
Er wusste nicht mehr genau, wie es hieß.
„Es war ein Topf aus Aluminium“, sagte er. „Mit Deckel und Klammer. Und ein paar Beulen.“
Seine Tochter Anne fragte: „Wofür brauchst du den Topf?“
Werner überlegte. Dann erinnerte er sich.
„Deine Großmutter hat mir jeden Tag so einen Topf mit zur Arbeit gegeben“, sagte er. „Darin war Suppe. Oder Kartoffeln mit Soße.“
Auf der Arbeit stellten sie diese Töpfe in heißes Wasser.
So wurde das Essen warm.
Plötzlich fing Werner an zu lächeln.
„Ich weiß es wieder“, sagte er. „Es war ein Henkelmann.“
Anne musste lachen.
Sie erinnerte sich auch.
Wie gut das Essen aus dem Henkelmann geschmeckt hatte!
„Das war etwas Besonderes“, sagte sie. „Auch wenn es die gleiche Suppe war wie zu Hause.“
Werner nickte. „Das war der Henkelmannzauber“, sagte er.
Anne schlug vor:
„Ich werde ihn für dich suchen. Heute aber bringe dir erstmal warme Suppe in den Garten. So wie früher.“
Das gefiel Werner.
Er ging hinaus und harkte Laub.
Als Anne später mit der Suppe kam, freute er sich sehr.
Auch ohne Henkelmann schmeckte sie wunderbar.
© Elke Bräunling

 

Fragerunde für Gespräch und Erinnerung

Zum Einstieg
• Hat dir die Geschichte gefallen?
• War sie ruhig oder fröhlich für dich?
Zum Thema Essen früher
• Kennst du den Henkelmann?
• Hattest du früher Essen von zu Hause dabei?
• Was wurde bei euch oft gekocht?
Zum Arbeitsleben
• Erinnerst du dich an deine Mittagspausen bei der Arbeit?
• Hast du allein gegessen oder mit anderen zusammen?
Zu Erinnerungen
• Gab es ein Essen, das besonders gut geschmeckt hat?
• Schmeckte es woanders manchmal besser als zu Hause?
Zum Schluss
• Gibt es ein Gericht, das dich an früher erinnert?
• Was isst du heute noch besonders gern?

© Elke Bräunling

Eine kleine wahre Henkelmanngeschichte von © Xaver Schruhl

Danke, lieber Xaver, für das Foto mit den Henkelmännern, das Sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

Xaver schreibt in den Kommentaren dazu:

Moin,
ja, der Henkelmann war genauso wie die Brotdose in unserer Familie in aller Munde. Beides wurde am Abend oder bei Nachtschicht am Nachmittag gefüllt und in der Speis kalt gestellt. Meine Omas waren beide Meisterinnen in leckeren Rezepten. Wobei beide eigentlich gefühlt ohne Rezepte kochten, aber dafür mit ganz viel Liebe und Gefühl. Die Geschichte werden wir heuer Ende November beim Kochkurs “Pütt trifft Küste” in der KVHS Norden vorlesen. Danke.

© Xaver Schruhl

Ich danke sehr für dieses schöne Stück Zeitgeschichte. 💛

 

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