Maikäferzeiten und Schuhkartons

Maikäferzeiten und Schuhkartons

Nostalgische Maikäfergeschichte für Groß und Klein


Titel + Illustration Oma und Enkel sind bei Dämmerung im Garten und beobachten Maikäfer Erinnerungen an nächtliche Maikäfersammelaktionen in ihrer Kindheit

Wenn die Tage länger werden und die Luft nach Frühling duftet, beginnt auch die Zeit der Maikäfer. Für viele Menschen sind sie mehr als nur ein Insekt. Sie sind eine Erinnerung an Kindheit, an warme Abende und kleine Abenteuer im Garten. Diese nostalgische Geschichte erzählt von früheren Maikäferzeiten, von Schuhkartons, Sammelaktionen und davon, wie sich der Blick auf die Natur im Laufe der Zeit verändert.
Eine ruhige Geschichte für Groß und Klein zum Vorlesen, Erinnern und gemeinsamen Nachdenken mit einfachen Kurzfassungen, Fragerunde, Sachtext.

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

Maikäferzeiten und Schuhkartons (Original)

Viel hatte Benjamin von Maikäfern gehört oder gelesen. Er kannte sie auch von Bildern und Fotos. In echt aber hatte er noch nie einen dieser drollig aussehenden Käfer entdeckt. Schade. Aber vielleicht würde es ja in diesem Jahr klappen?
„Hast du schon einen Maikäfer gesehen?“, fragt er Großtante Elisabeth, die auf der anderen Seite des Gartens im Nachbarhaus wohnte.
„Noch nicht.“ Die Großtante schüttelte den Kopf. „Aber ich verspreche dir, nach ihnen Ausschau zu halten. Abends, wenn die Dämmerung der Dunkelheit noch nicht ganz Platz gemacht hat, kann man sie bei am besten aufspüren.“
„Im Dunkeln?“, staunte Benjamin. „Da siehst du ja nichts, Tante Elisabeth.“
„Ha! Maikäfer hört man längst, bevor man eine Chance hat, sie zu sehen. Laut summen sie durch die Dämmerung und wenn sie nicht gerade auf den Bäumen sitzen und frische Blätter in sich hinein futtern, sind sie auf der Suche nach dem Licht. Gerne umfliegen sie deshalb Straßenlaternen und manchmal stoßen sie angelockt vom Licht auch gegen die Fensterscheiben.“ Die Großtante lachte.
„Als wir Kinder waren, haben wir sehnsüchtig darauf gewartet, dass einer dieser Brummsummer auf diese Weise an unser Fenster ‚klopfte‘. Nichts konnte uns dann mehr halten. Rein in die Kleider und die vorbereiteten Schuhkartons geschnappt und nichts wie raus in den Garten und über die Straße in den Kirchgarten. Dort bei den Kastanienbäumen wurden wir immer fündig. Und …“
„Wozu brauchtet ihr Schuhkartons?“, unterbrach Benjamin die Tante.
„Das waren unsere Maikäferkäfige. Mit Mutters Stricknadeln hatten wir Löcher in die Seiten und den Deckel der Pappe gebohrt, damit unsere Käfer nicht erstickten. Und damit sie es weich und zugleich auch etwas zu futtern hatten, legten wir frische Blätter hinein.“
„Habt ihr viele Käfer gefunden?“, staunte Benjamin.
„Nun ja, mehr als zwei oder drei, machmal aber auch vier oder fünf am Abend fanden wir nicht. Wir durften auch nicht lange draußen bleiben. Es war schließlich Schlafenszeit und an manchem Abend drückten unsere Eltern schon beide Augen zu, weil wir so lange unterwegs waren.“
„Und was habt ihr mit den Käfern dann gemacht?“, fragte Benjamin.
„Wir haben die Kartons unter unsere Betten gestellt und in der Nacht immer wieder gelauscht, ob wir ein Summen oder Brummen oder ein Schmatzen hörten. Ja, und aufregende Träume haben wir geträumt. Am nächsten Tag nahmen wir unsere Schuhkartons mit in die Schule und gaben vor unseren Mitschülern ganz schön an mit unseren ‚erjagten‘ Maikäfern.“
Die Großtante schloss für einen Moment die Augen und lächelte. Bestimmt dachte sie an die Zeit, in der sie ein Schulmädchen war.
„Und dann“, fuhr sie fort, „haben wir ausgezählt. Wer die meisten Käfer gefunden hatte, war der Sieger. Ja, und Käferwettrennen haben wir gemacht. Mit etwas Glück hatten einige der Käfer Lust, sich zu bewegen. Und mit etwas Pech flogen uns viele auf diese Weise einfach davon.“
„Und dann?“
„Nichts. Es war gut so.“
„Und was habt ihr mit den Käfern dann getan?“
Benjamin fand die Sache mit den Maikäfern einfach toll und er würde sich nichts mehr wünschen als auch mit einem Schuhkarton, in dem Maikäfer auf Blättern saßen und durch Pappkartonlöcher atmeten, in die Schule zu gehen.
„Nichts“, antwortete Großtante Elisabeth wieder. „Wir haben sie frei gelassen. Wie schön war es, wenn sich unsere Käfer nach einigem Zögern mit einem brummigen Summen und pumpenden Flügeln in die Luft hinauf schraubten ab zu den nächsten Bäumen. Am Abend dann haben wir auf neue Käfer gelauert. Es war ein Spiel.“
„Toll!“, sagte Benjamin.
„Manchmal aber, vor allem in Maikäferjahren, in denen es reichlich Maikäfer gab, brachten wir sie zum Hausmeister unserer Schule. Der sammelte sie in alten Milchkannen oder Kübeln und brachte diese dann zum Hühnerhof. Maikäfer nämlich sind eine Delikatesse für Hühner.“
Das fand Benjamin nun gar nicht mehr toll. Welcher Käfer war schon gerne Hühnerfutter?
„Die armen Maikäfer!“, sagte er.
„Arme Maikäfer? Nein, ich würde sagen: Arme Bäume.“ Großtante Elisabeth deutete zu den Apfelbäumen und der alten Kastanie im Garten hinüber. „In so manchem Maikäferjahr waren die Bäume kahl gefressen. Maikäfer – und ihre Larven, die Engerlinge – konnten ganze Gärten, Wälder und Felder mit ihrem immerwährenden Hunger kahl fressen und zerstören. Einmal war es so schlimm, dass die Bauern um ihre Ernten fürchteten. Das war in dem Jahr der Maikäferplage, in dem wir sogar Maikäferferien hatten.“
„Maikäferferien?“ Fragend sah Benjamin die Tante an.
Die nickte. „Statt in die Schule gingen wir mit Kannen, Kübeln und Schachteln in die Felder und sammelten die Maikäfer ein. Die kamen dann als Schweine- und Hühnerfutter zu den Bauern. So halfen wir, die Ernte zu retten. Puh!“ Sie schüttelte sich. „Das war nicht mehr lustig. Und nach diesem Maikäferjahr hatte keiner mehr Lust, Maikäfer zum Spaß zu fangen.“
Benjamin nickte. Das konnte er gut verstehen.
„Ein Glück eigentlich, dass es solche Maikäferplagen nicht mehr gibt“, sagte er, und mit einem Seufzer fügte er hinzu: „Aber einen oder zwei oder drei, ja, die würde ich schon gerne in einen Schuhkarton setzen und dann lange angucken.“
Großtante Elisabeth lächelte.
„Dann lass uns abends mit den Hunden einen Spaziergang durch die Siedlung und den Park machen. Vielleicht werden wir fündig.“
„Au ja!“, rief Benjamin. „Schon heute Abend?“
Und als die Tante nickte, verabschiedete er sich schnell und rannte nach Hause. Er hatte noch viel zu tun. Einen Schuhkarton musste er organisieren und eine Stricknadel. Für die Löcher.
Oh, aufregend war das!

© Elke Bräunling


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Welche Erinnerungen aus Ihrer Kindheit sind Ihnen bis heute besonders lebendig geblieben?
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Illustration Oma und Enkel sind bei Dämmerung im Garten und beobachten Maikäfer

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Die folgenden Gedanken und Texte vertiefen die Geschichte und laden zum Erinnern, Nachdenken und Mitfühlen ein.

Die kürzeren Versionen sind sprachliche Bearbeitungen derselben Geschichte. Sie dienen der besseren Zugänglichkeit und stellen keine eigenständigen Werke dar.

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Diese Fassung erzählt denselben Inhalt in vereinfachter klarer Sprache mit kürzeren Sätzen

Maikäferzeiten – einfache Fassung

Benjamin hatte noch nie einen Maikäfer gesehen. Er kannte sie nur aus Büchern. Kleine braune Käfer mit dicken Körpern und brummenden Flügeln. Irgendwie lustig sahen sie aus.
„Gibt es die wirklich?“, fragte er.
Seine Großtante Elisabeth lächelte. „Oh ja. Und wie es die gibt. Früher sogar sehr viele.“
Am Abend saßen sie im Garten. Die Luft war mild. Irgendwo zwitscherte noch ein Vogel.
„Jetzt ist Maikäferzeit“, sagte die Tante leise.
Benjamin lauschte. Erst hörte er nichts. Dann war da plötzlich ein tiefes Brummen.
„Da!“, rief er.
Ein Käfer taumelte durch die Luft. Fast stieß er gegen die Lampe. Dann aber setzte er sich auf einen Ast.
„So hören sie sich an“, sagte die Tante. „Früher sind wir Kinder bei diesem Geräusch sofort losgerannt.“
Und dann begann sie zu erzählen:
Wie sie mit Schuhkartons durch die Dämmerung liefen.
Wie sie Löcher in die Kartons stachen, damit die Käfer Luft bekamen.
Wie sie Blätter hineinlegten, damit die Tiere etwas zu fressen hatten.
„Wir waren so aufgeregt“, sagte sie. „Wir haben gelauscht, ob sie nachts in den Kartons brummen.“
Benjamin stellte sich das vor. Dunkelheit. Ein Bett. Und darunter ein leises Summen.
„Und am nächsten Tag?“
„Da haben wir sie wieder freigelassen.“
Benjamin atmete auf.
Die Tante nickte.
„Aber nicht immer war es nur ein Spiel. Es gab Jahre, da waren es zu viele Maikäfer. Ganze Bäume haben sie kahl gefressen.“
Benjamin sah zu den Apfelbäumen hinüber.
Ohne Blätter? Das konnte er sich kaum vorstellen.
„Da mussten wir helfen“, sagte die Tante leise. „Wir sammelten die Käfer nicht zum Spielen, sondern um die Ernte zu retten.“
Eine Weile schwiegen sie.
Dann sagte Benjamin: „Ich glaube … ich möchte einfach nur einen sehen.“
Die Tante lächelte. „Dann gehen wir heute Abend noch einmal hinaus.“
Benjamin nickte. Ein Käfer würde reichen. Nur zum Staunen.
© Elke Bräunling

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Diese Fassung erzählt denselben Inhalt in sehr vereinfachter Sprache, besonders ruhig und leicht verständlich formuliert

Maikäferzeiten – sehr einfache Fassung

Benjamin möchte einen Maikäfer sehen.
Er hat noch nie einen gesehen.
Seine Großtante erzählt:
„Früher gab es viele Maikäfer. Abends haben wir sie gehört. Sie brummten durch die Luft.“
Viele Kinder liefen damals nach draußen.
Sie wollten Maikäfer einfangen.
Sie hatten Schuhkartons dabei. Darin sammelten sie die Käfer.
„Wir haben Löcher in die Kartons gemacht“, sagt die Tante. „Damit die Käfer Luft bekommen.“
Am nächsten Tag zeigten sie die Käfer in der Schule.
Und später ließen sie sie wieder frei.
Benjamin hört zu.
Er findet das spannend.
„Ich möchte auch einen sehen“, sagt er.
Die Großtante nickt. „Dann gehen wir heute Abend schauen.“
Benjamin freut sich.
© Elke Bräunling

 

Fragerunde

Erinnerungen & Gefühle
– Hast du als Kind Tiere gesammelt oder beobachtet?
– Gab es etwas, worauf du dich abends besonders gefreut hast?
– Kennst du das Geräusch von summenden Insekten im Sommer?
– Wie fühlte sich ein warmer Frühlings- oder Sommerabend für dich an?
Kindheit & Spiele
– Hast du früher draußen gespielt, bis es dunkel wurde?
– Gab es kleine „Schätze“, die du gesammelt hast?
– Hast du Dinge mit in die Schule genommen, um sie zu zeigen?
– Kennst du noch Spiele aus deiner Kindheit mit Tieren oder Natur?
Natur & Veränderungen
– Hast du früher mehr Insekten gesehen als heute?
– Erinnerst du dich an Obstbäume oder Gärten?
– Was hast du über Tiere gelernt – durfte man sie behalten oder musste man sie wieder freilassen?
Werte & Gedanken
– Was fühlst du, wenn ein Tier gefangen wird?
– Ist es wichtig, Tiere wieder freizulassen?
– Wann wird aus einem Spiel etwas Ernstes?

 

Sachtext: Maikäfer

Der Maikäfer ist ein Käfer, der vor allem im Frühling und ganz besonders in der Maienzeit zu finden ist. Man erkennt ihn an seinem braunen Körper, den fächerförmigen Fühlern und seinem lauten Brummen.
Maikäfer leben viele Jahre im Boden als sogenannte Engerlinge. Dort fressen sie Wurzeln von Pflanzen. Nach drei bis vier Jahren kommen sie an die Oberfläche und werden zu Käfern.
Früher gab es sogenannte „Maikäferjahre“. Dann traten sehr viele Käfer gleichzeitig auf. Sie fraßen Blätter von Bäumen und konnten ganze Wälder schädigen.
Heute sind Maikäfer seltener geworden. Das liegt unter anderem an veränderten Lebensräumen und Umweltbedingungen. Trotzdem sind sie ein wichtiger Teil der Natur und sie gehören bei uns – irgendwie – fest zum Monat Mai.
Und für viele Menschen eine Erinnerung an Kindheit und Frühling.

Nachklang und Gedanken zur Geschichte: Erinnerung und Heute

Die Großtante schwieg einen Moment, nachdem sie erzählt hatte.
Ihr Blick blieb an den Bäumen hängen, die sich sanft im Wind bewegten.
„Weißt du“, sagte sie schließlich leise, „früher war das alles in dieser Zeit irgendwie… voller und üppiger.“
Benjamin sah sie fragend an.
„Nicht besser“, fügte sie schnell hinzu. „Ich meine, sie war voller Geräusche. Überall summte und brummte es in der Dämmerung. Ein Käferleben, das man hören konnte, auch wenn man es nicht sah. Heute ist es da viel ruhiger geworden. Manchmal ist es so ruhig, dass man erst merkt, was fehlt, wenn man sich daran erinnert.“
Benjamin lauschte. Er hörte den Wind. Das leise Rascheln der Blätter und seine eigenen Schritte im Gras. Aber da war kein Brummen.
„Ist das traurig?“, fragte er.
Die Großtante lächelte ein wenig. „Ein bisschen. Aber nicht nur.“
Sie strich über den Zaun.
„Erinnerungen sind wie kleine Lichter“, fuhr sie fort. „Sie zeigen uns, wie es einmal gewesen war. Sie machen aber das Heute nicht dunkel. Sie helfen nur, nicht zu vergessen und genauer hinzusehen.“
Benjamin nickte langsam. „Vielleicht hören wir heute Abend einen Maikäfer“, sagte er leise.
„Vielleicht“, antwortete sie.
Und für einen Moment war es, als lägen Gestern und Heute ganz nahe beieinander

 

© Elke Bräunling


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