Frühlingsgefühle und die kostbare Lebenszeit*

Tröstliche Frühlingsgeschichte – Ohne Nachrichten ist das Leben schöner

„Endlich wieder Sonnenschein! Endlich wieder Wärme! Ach, ist das Leben nicht schön?“
Elisabeth strahlte, ein bisschen tänzelte sie auch. Ja, sie tänzelte. Mit einem übermütigen Lächeln im Gesicht.
Anton schluckte und auf einmal breitete sich ein fast vergessenes warmes Gefühl in seinem Bauch aus. Ein Brennen, das sich wie Verliebtsein anfühlte. Wie schön das war!
„Frühlingsgefühle!“, brummte er. „Nichts weiter! Dass mir altem Zausel so etwas noch passieren kann? Hmhm. Das muss eine kleine …Verirrung sein.“
Er blickte wieder in den Nachbargarten hinüber. Nein, er irrte sich nicht.
Die sonst so ernste, fast ein bisschen traurig wirkende Elisabeth lächelte, tänzelte und freute sich an dem Tag. Als ob es in diesen Zeiten noch etwas zum Freuen gäbe! Machte sie sich denn keine Sorgen über das, was an Ungutem in ihr aller Leben hereingebrochen war? All die Krisen und Unfriedlichkeiten und die Furcht vor dem Auskommen, vor der Zukunft. Hatte sie das vergessen oder, noch schlimmer, nahm sie es nicht ernst? Wie unmöglich das war!
Und dieses zaghaft wilde Gefühl in seinem Bauch, das war auch unmöglich. Aber schön. Wunderschön. Und fast ließ es ihn die Angst, die ihn seit Monaten immer mehr bedrückte, nicht mehr ganz so wichtig nehmen. Und da, da war es. Ein Lächeln, ein klitzekleines, schlich sich nun auch in seine Mundwinkel, kroch hinauf über die Wangen und umspielte die Augen. Auch das fühlte sich gut an. So gut, dass er seine Zurückhaltung gegenüber der sonst so ernsthaften Nachbarin vergaß.
„Hallo, schöne Nachbarin!“, rief er über den Gartenzaun hinüber. „Mir scheint, du bist guter Dinge heute?“
Elisabeth hielt inne, starrte ihn an, dann winkte sie.
„Ja, lieber Anton!“, antwortete sie und kam ein paar Schritte zu ihm herüber. „Ich bin guter Dinge und ich habe vor, es auch zu bleiben. Weil … weil es sich einfach viel besser anfühlt.“
„Besser als … was?“
„Als all der unschöne Kram, mit dem sich derzeit jeder von uns herumschlägt und der traurig macht. Ich mag das nicht mehr, denn ehrlich, ändert sich etwas an der Situation, wenn auch ich mich traurig und ängstlich fühle?“
„Du sorgst dich also auch?“, fragte Anton.
„Wer tut das nicht?“ Elisabeths Stimme klang ein bisschen schärfer nun. „Aber ich mache das Spiel nicht mehr mit. Ich möchte all das Schöne, das das Leben immer noch zu bieten hat, wieder genießen. Wohl fühlen möchte ich mich und nicht ängstlich. Das ist mein gutes Recht und das werde ich wahrnehmen.“
Anton nickte. „Das klingt vernünftig und auch verlockend. Aber wie kannst du dich all den üblen Nachrichten, die man uns Tag für Tag aufs Neue präsentiert, entziehen? Das geht doch gar nicht mehr.“
„Nein?“ Elisabeth war nun ganz nahe an den Zaun getreten. „Wieso soll das nicht gehen? Und wer weiß, was die uns da so alles erzählen? Was ist wahr und was Propaganda?“
Anton wollte widersprechen, doch hatte Elisabeth nicht recht? Verbrachte er nicht auch sehr viel kostbare Lebenszeit mit Zweifeln und dem Verdauen schlechter Nachrichten? Viel zu viel.
Er blickte in den Himmel hinauf. Die Sonne schien so herrlich frühlingswarm und der Himmel war blau und ausnahmsweise einmal ganz ohne die vielen Streifen, die es früher nicht gegeben hatte und die die Wetterleute neuerdings Wolken nannten. Auch das war schön und besonders an diesem Frühlingsmorgen.
„Lass den Fernseher aus, Anton!“, sagte Elisabeth in die Stille. „Und lese mal eine Weile die Zeitungen nicht mehr. Sie brennen gut im Feuer und da sind sie vielleicht auch besser aufgehoben.“
„Keine Nachrichten mehr? Hm. Geht das denn?“ Anton war nachdenklich geworden.
„Sieh mich an!“, lachte Elisabeth. „Ich mache eine Kur. Eine Nachrichtenfastenkur und mir geht es mit jedem Tag besser. Die Fröhlichkeit kommt zurück und die Freude am Leben. Und du wirst es nicht glauben: Ich vermisse all den hässlichen Kram von da draußen längst nicht mehr. Es ist wie ein Entzug, doch der ging ganz schnell und nun fühle ich mich frei.“
„Aber … aber wenn“, stieß Anton hervor, dann schwieg er. Hatte die kluge Nachbarin nicht recht? Was änderte sich schon am Weltgeschehen, wenn man sich ihm eine Weile entzog? Nichts.
„Stimmt“, sagte er dann. „Die Welt dreht sich weiter, aber …“
„Aber ohne uns“, unterbrach ihn Elisabeth. „Und nicht mehr in unserer kleinen Welt und in die lade ich dich jetzt zu einem Imbiss ein. Auf dem Herd köchelt eine leckere Frühlingskräutersuppe, dazu gibt es frisches, selbst gebackenes Brot und Schnittlauchbutter. Das richtige Essen, um den Frühlingstag … und das Leben … zu genießen.“
„Ja“, antwortete Anton. Mehr Worte bedurfte es nicht. Das Leben brauchte nicht immer so viele Worte.

© Elke Bräunling

Mal so gesagt: Ich habe den Stecker des Fernsehers vor knapp zwei Jahren gezogen, weil ich merkte, dass ich nicht mehr schreiben kann. Nicht mehr so schreiben, dass die Seele mitschreibt und ich Freude dabei empfinde. Das zu erkennen hat weh getan und es war auch sehr quälend. Ein lieber Mensch empfahl mir, eine Weile auf Nachrichten der Mainstreammedien zu verzichten. Ich konnte mir nicht vorstellen, was das mit meinem Schreibproblem zu tun hatte. Vieles. Alles. Die Freude kam zurück und die Wissbegier auf Neues – und ich bin trotzdem über das allgemeine Geschehen informiert, allerdings ausgesucht und wohl dosiert ohne einseitige Propaganda. Das Leben ist neu und spannend geworden. Und nachher werde ich die Tageszeitung abbestellen. Ich lese sie schon lange nicht mehr und Papiermüll muss nicht sein.
Liebe Grüße 💛🙏🏻

 

Ein Lächeln, Bildquelle © TanteTati/pixabay

 

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