… aber er wollte nicht stören

… aber er wollte nicht stören

Eine stille, etwas andere Weihnachtsgeschichte

Titel + Illustration Mann geht stadtauswärts, eine Katze im Arm, im Hintergrund der laute Weihnachtstrubel der StadtManchmal ist Weihnachten zu laut, zu grell, zu voll.
Und manchmal sucht man nicht Geschenke oder Lieder, sondern einfach nur Stille.
Diese Geschichte erzählt von einem Mann, der sich auf den Weg macht.
Nicht, um etwas zu finden, sondern um nichts mehr zu müssen.
Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde.

 

 

… aber er wollte nicht stören

Lange war der Mann unterwegs. Er war auf der Suche nach der Weihnachtsstille. Oft hatte er davon gehört, doch er konnte sich nichts darunter vorstellen.
Weihnachtsstille! Das klang schön. Etwas ganz Besonderes musste es sein. Aber, so wurde ihm gesagt, man musste sie selbst erleben. Wenn man Glück hatte, konnte man sie hören, ja, sogar spüren. Dies wünschte er sich sehnlichst.
Er kam in eine Stadt. Über ihm landeten und starteten Flugzeuge mit lautem Getöse. „Nein“, sagte der Mann und ging stadteinwärts. „Hier kann es keine Stille geben.“
Autos, Busse und Lastwagen rasten an ihm vorbei, Motoren dröhnten, Reifen quietschten, Hupen heulten auf. Still war es auch hier nicht zwischen den Fabrikgebäuden, Hochhäusern und Wohnblocks entlang der Straße.
Langsam ging der Mann weiter vorbei an Geschäften, deren Schaufenster mit Lichtern, Tannen und Glitzerglimmer geschmückt waren.
Aus dem Supermarkt erklang Musik: ‚Leise rieselt der Schnee‘ und ‚Stille Nacht, heilige Nacht…!‘ Hübsch, dachte der Mann und blieb stehen. Klingt weihnachtlich. Ich glaube, hier bin ich richtig.
Er lauschte eine Weile der Musik, summte die Melodien und lächelte den Leuten zu. Niemand aber beachtete ihn. Man schien ihn gar nicht zu sehen!  Er wunderte sich. Was war los mit den Menschen? Bepackt mit Tüten und Paketen eilten sie freudlos an ihm vorbei.
Da hatte der Mann auch keine Lust mehr zum Liedersummen. Er trottete weiter. Überall drängelten sich Leute, in den Straßen stauten sich Autos, aus den Geschäften plärrten Weihnachtslieder, und vor manchen Häusern sangen Straßenmusikanten.
Er hielt sich die Ohren zu. „Wo ist die Weihnachtsstille?“, wollte er rufen. Aber er wagte niemanden zu fragen, denn er wollte nicht stören.
Der Mann war verwirrt. Er ließ sich von den Massen treiben und landete in einem Kaufhaus. Bunt war es hier und grell. Geblendet schloss er die Augen. Wie laut es hier war! Leute stritten, Kinder quengelten, Mütter schimpften, Verkäufer schrien einander Zahlen zu, eine Stimme au dem Lautsprecher pries Sonderangebote an, Kassen klingelten, Musik dudelte.
Der Mann stöhnte. Der Kopf tat ihm weh.
Weg, dachte er, schnell weg hier! Eilig verließ er das Kaufhaus.
Nein, hier würde er die Weihnachtsstille, so wie er sie sich vorstellte, nicht finden. Aber wo sonst? Wo war Weihnachten? Zu gerne hätte er jemanden danach gefragt, aber er wollte, wie gesagt, nicht stören.
Da traf er am Stadtausgang eine verwahrlost aussehende Katze, die ihn mit bittenden Augen ansah. Der Mann lächelte.
Vorsichtig nahm er das abgemagerte und vor Kälte zitternde Tier in die Arme und drückte es an sich. Da schnurrte das Kätzchen und kuschelte sich warm in seinen Arm. Und auf einmal war auch er voller Ruhe und Frieden.
Schnellen Schrittes verließ der Fremde, das Kätzchen im Arm, die Stadt. Er bog in einen Feldweg ein, ging über Felder und Wiesen. Es schneite. Leise knirschte der Schnee unter seinen Füßen, und je weiter er lief, desto stiller wurde es, so still, dass er glaubte, die Schneeflocken fallen zu hören. Er seufzte erleichtert auf. Schön war das!
Irgendwo werde ich sie doch noch finden, die Weihnachtsstille, dachte er und lief weiter. Er lief und lief und fühlte sich gut. Er traf auch niemanden, den er fragen konnte.

© Elke Bräunling

Illustration Mann geht stadtauswärts, eine Katze im Arm, im Hintergrund der laute Weihnachtstrubel der Stadt

 

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Kurzfassung

Die Weihnachtsstille

Kurze Fassung in einfacher Sprache

Ein Mann macht sich auf den Weg.
Er sucht die Weihnachtsstille.
Er weiß nicht genau, wie sie klingt, aber er möchte sie finden.
In der Stadt ist es laut.
Flugzeuge, Autos, Musik, Menschen.
Überall Hektik.
Der Mann merkt: Hier ist keine Stille.
Er geht weiter durch Straßen, Geschäfte und ein Kaufhaus.
Es ist grell, laut und anstrengend.
Der Mann bekommt Kopfschmerzen.
Er möchte weg.
Und er möchte auch niemanden stören.
Am Stadtrand trifft er eine frierende Katze.
Er nimmt sie vorsichtig in die Arme.
Die Katze schnurrt.
Der Mann wird ruhig.
Mit der Katze im Arm verlässt er die Stadt.
Er geht über Felder und Wiesen.
Es schneit.
Der Schnee knirscht leise unter seinen Füßen.
Es wird immer stiller.
So still, dass der Mann glaubt, die Schneeflocken fallen zu hören.
Er fühlt sich friedlich.
Vielleicht, denkt er, ist er der Weihnachtsstille ganz nah.

 

Fragerunde

1. Stille
• Was bedeutet Stille für Sie?
• Gibt es Orte, an denen Sie Stille finden?
2. Weihnachten
• Ist Weihnachten für Sie eher laut oder eher ruhig?
• Wie hat sich Weihnachten im Laufe Ihres Lebens verändert?
3. Unterwegssein
• Gehen Sie gern spazieren?
• Haben Sie früher Wege genutzt, um nachzudenken oder zur Ruhe zu kommen?
4. Tiere & Nähe
• Haben Tiere für Sie eine besondere Bedeutung?
• Haben Sie schon erlebt, dass ein Tier Ihnen Ruhe geschenkt hat?
5. Kleine Augenblicke
• Erinnern Sie sich an einen Moment, in dem alles ganz still war?
• Was hilft Ihnen heute, zur Ruhe zu kommen?