Neujahrsgrüße an den Herrn Minister

Neujahrsgrüße an den Herrn Minister

Geschichte von Vertrauen und Hoffen

Titel + illustration Mann sitzt in einem Büro, das zugemüllt ist mit BriefenZum Jahreswechsel tauchen Fragen auf, die größer sind als Feuerwerk und gute Vorsätze.
Diese Geschichte erzählt von einem Minister, der plötzlich mit den Sorgen der Menschen konfrontiert wird. Nicht mit Zahlen oder, sondern mit persönlichen Worten. Und irgendwo zwischen Angst, Wut und Hoffen entsteht wieder etwas, das verloren schien: Mitgefühl.
Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde.

 

 

Neujahrsgrüße an den Herrn Minister

In diesem Jahr hatte ein Minister in den Tagen vor Weihnachten so viele Briefe bekommen wie nie zuvor. Jeden Tag wurden es mehr, bis die Beamten der Poststelle sie in großen Körben in sein Büro trugen. Wie ein Meer aus Papier sahen die sonst so ordentlichen Räume nun aus.
Verärgert hob der Minister den Blick von seinem Smartphone.
„Was soll das?“, rief er. „Glauben Sie etwa, ich habe Zeit, diesen Kram zu lesen?“
Sein Sekretär, ein ruhiger, mutiger Mann, antwortete leise:
„Das ist kein Kram, Herr Minister. Das sind Briefe von den Menschen, die Sie Bürger nennen.“
„Und was wollen die?!“, schnaubte der Minister und deutete auf die Briefe. „Ach, räumen das weg!“
Der Sekretär blieb stehen. „Mit Verlaub, Herr Minister, das kann ich nicht. Und im Übrigen stapeln sich unten in der Poststelle schon neue Körbe.“
„Was wollen all diese Menschen von mir?“ Der Minister sah seinen Sekretär entsetzt an.
„Sie schreiben von Sorgen. Von ihrer Angst vor einem Krieg. Vom Leben, das immer teurer wird. Vom Geld, das nicht mehr reicht. Von Kindern, die frieren.“
„Dann sollen sie eben sparen“, murmelte der Minister und schob die Briefe zur Seite.
Er blickte wieder auf sein Smartphone, wollte weiterscrollen, aber die Worte des Sekretärs hingen in der Luft.
Schwer.
„Sie haben einmal gesagt, Sie würden es besser machen als Ihre Vorgänger“, sagte der Sekretär noch, ehe er ging. „Und alle haben Ihnen geglaubt.“
„Ich bin doch anders“, flüsterte der Minister, als er allein war.
Dann fiel sein Blick auf die Körbe.
Vielleicht waren es ja Weihnachtsgrüße, dachte er, freundliche Worte, weil man ihn mochte. Ja, bestimmt war es so.
Er griff nach dem obersten Brief.
„Sehr geehrter Herr Minister,“ las er, „ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr, in dem sie auch einmal frieren müssen, um zu verstehen.“
„Lieber Herr Minister, haben Sie auch große Angst, dass Ihre Kinder in einen Krieg, den sich keiner wünscht, ziehen müssen?“
Er legte den Brief beiseite, öffnete einen weiteren und noch einen und …
Mit jedem Umschlag erblasste er mehr.
Zwischen den Worten las er Angst, Müdigkeit, Wut und manchmal auch Hoffnung. Die Hoffnung, dass er, der Minister, ihre Sorgen zerstreuen und ihr Leben wieder lebenswerter machen würde. Dass er alles tat, um den Frieden zu wahren.
Er?
Der Minister blieb lange sitzen.
Draußen begannen Glocken zu läuten.
Schließlich nahm er einen Stift, zog einen sauberen Bogen Papier heran und begann zu schreiben und zu lesen und zu schreiben und schreiben, schreiben … und das tat er viele Tage lang. Selbst an den Weihnachtstagen und in den Ferien beantwortete der Minister, der anders sein wollte, die Briefe der Menschen, die sich in ihrer Not an ihn gewandt hatten. Und irgendwo zwischen den Zeilen, die er geschrieben hatte, stand zum ersten Mal wieder das Wort Mitgefühl.
Er fand übrigens in diesem gewaltigen Briefeberg auch tatsächlich ein paar liebe Grüße für ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr … und der Minister freute sich, dass er sich darüber wieder freuen konnte. Und das war doch mal ein Anfang.

© Elke Bräunling

illustration Mann sitzt in einem Büro, das zugemüllt ist mit Briefen


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Kurzfassung

Neujahrsgrüße an den Herrn Minister

Kurze Fassung in einfacher Sprache

Ein Minister bekommt kurz vor Weihnachten so viele Briefe wie nie zuvor.
Sie füllen sein Büro, und er ist verärgert.
Er hält diese Weihnachtspost für „Kram“ und Zeitverschwendung.
Sein Sekretär soll sie wegwerfen. Der aber sagt leise:
„Das sind Briefe der Bürger, voller Sorgen, Angst vor Krieg, steigenden Preisen, frierenden Kindern und Geldnot.“
Der Minister kann das nicht verstehen. Er tut doch sein Bestes! Oder?
Er will die Briefe ignorieren.
Aber etwas in den Worten bleibt hängen.
Schließlich öffnet er die Briefe.
Er liest von Wut, Müdigkeit, Angst, aber auch Hoffnung.
Hoffnung darauf, dass er die Dinge besser macht.
Dass er den Frieden schützt und das Leben erleichtert.
Sein Herz schlägt schneller.
Er beginnt zu schreiben.
Viele Tage lang.
Sogar an Weihnachten.
Zwischen den Antworten taucht ein Wort wieder auf, das lange gefehlt hat:
Mitgefühl.
Und am Ende kann er sich über die Weihnachts- und Neujahrsgrüße der Menschen wieder freuen.
Mit einem guten Gefühl.
Ein kleiner Anfang.

© Elke Bräunling

 

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Fragerunde

1. Politik & Verantwortung
• Haben Sie einmal erlebt, dass Politiker auf Menschen gehört haben?
• Fällt es Ihnen leicht, Vertrauen in „die da oben“ zu haben?
2. Sorgen & Briefe
• Haben Sie früher selbst Leserbriefe, Eingaben oder Beschwerden geschrieben?
• Bewirkt Schreiben manchmal Erleichterung?
3. Angst & Zukunft
• Welche Sorgen begleiten Sie aktuell?
• Wie sprechen Sie über Angst ? Offen oder lieber leise?
4. Krieg & Frieden
• Erinnern Sie sich an Momente, in denen Frieden selbstverständlich war?
• Was wünschen Sie jungen Menschen heute?
5. Mitgefühl
• Was bedeutet Mitgefühl für Sie?
• Haben Sie erlebt, dass ein Mensch „umgedacht“ hat?
6. Verantwortung
• Was macht einen guten politischen Entscheidungsträger aus?
• Sind Sie der Meinung, dass ein einzelner Mensch viel verändern kann?
7. Hoffnung
• Was macht Ihnen Hoffnung zum Jahreswechsel?
• Welche kleinen „Anfänge“ haben Ihr Leben schon einmal verändert?