Heiligabend, weil es so sein sollte
Heiligabend, weil es so sein sollte
Geschichte mit Gedanken zu Heiligabend und Feiern im allgemeinen
Heiligabend alleine, wie immer
„Nicht jedes Fest braucht Glanz, ein stiller Abend genügt manchmal auch.“
Manchmal erfüllt sich an Heiligabend kein großes Wunder, und gerade darin liegt eine stille Wahrheit. Diese Geschichte erzählt von einem Buchhändler, der Weihnachten ohne Erwartungen verbringt und darüber erkennt, dass nicht jedes Klischee erfüllt sein muss, um Frieden im Herzen zu finden.
Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde.
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Heiligabend, weil es so sein sollte
Heiligabend. Kurz nach 16 Uhr. Die Wolken hingen tief über dem Städtchen und es war schon fast dunkel.
Wieder keine weiße Weihnacht, dachte er, als er seinen Laden schloss. Wie immer war er der Letzte, der an diesem Tag zumachte. Was hätte er auch sonst tun sollen? Es gab niemanden mehr, der ihn zuhause erwartete, und die wenigen Kunden, die noch auf den letzten Sprung zu ihm in die Buchhandlung kamen, waren dankbar, dass er ihnen mit der langen Öffnungszeit die Möglichkeit bot, ein letztes Geschenk zu kaufen. Ein vergessenes, verlegenes.
Nun aber gab es nichts mehr zu tun. Falsch. Eine Beschäftigung fand sich immer in dem alten Laden, aber man musste es ja nicht übertreiben. Außerdem würde es niemanden gefallen, wenn er jetzt noch arbeitete. Nicht mehr um diese Zeit am Heiligen Abend. Man feierte. Oder was immer man davon hielt.
Ihm war dieser Tag nicht wichtig. Er hatte schon immer Probleme mit dem Feiern auf Befehl gehabt. Weil man es an einem Tag wie diesem eben so machte, hieß das noch lange nicht, dass es auch Freude bereitete. Oder warum stritten die Leute gerade an Tagen wie diesen mehr denn je miteinander? Eben. Die Antwort erübrigte sich. Außerdem wüsste er nicht, mit wem er hätte feiern wollen. Seit Hildas Tod nicht mehr. Und die Kinder? Die waren weit weg, lebten ihr eigenes Leben. Wie es eben oft so war. Das Klischee, das Kritiker gerne übel nahmen, lebte gerade deshalb erst recht. Auch bei ihm und mit ihm. Das Leben war Klischee. Und Weihnachten war es auch.
Langsam schlenderte er durch die Altstadtgasse zum Parkplatz jenseits der Stadtmauer und wie jeden Tag kehrte er beim Rebenwirt auf eine Tagessuppe, ein Glas Weißwein und einen Espresso ein, wechselte ein paar Worte mit Stammgästen, die hier den Tag ausklingen ließen und auf die heute auch niemand wartete, und kaufte noch eine Flasche Rotwein und eine Fleischtarte zum Mitnehmen für den Abend.
Es war kurz vor achtzehn Uhr und die Glocken der Stadtkirche bimmelten die Leute feierlich zum Heiligabendgottesdienst herbei, als er schließlich zu seinem Wagen aufbrach. Er ließ sich Zeit, denn die hatte er ja auch. Unterwegs hätte er auch sicher Halt gemacht vor einem Bettler oder einem Mädchen mit Schwefelhölzern, einem verirrten Menschenkind, einer hilfsbedürftigen Frau oder einem verlorenen Hund mit hungrigen Augen oder jemandem sonst von all jenen Trostlosen, denen man in Geschichten und Filmen an Heiligabend gerne begegnete, doch da war niemand, der seiner Aufmerksamkeit oder Hilfe bedurft hätte. Das Klischee war eben auch nicht mehr das, was man von ihm erwartete. Es war überstrapaziert, langweilig und den Erwartungen, die man an es knüpfte, nicht immer gewachsen. Er war dankbar dafür.
© Elke Bräunling

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Kurzfassung
Heiligabend, weil es so sein sollte
Kurze Fassung in einfacher Sprache
Es ist Heiligabend, kurz nach sechzehn Uhr.
Der Buchhändler schließt als Letzter im Städtchen seinen Laden.
Er hat niemanden, der zu Hause auf ihn wartet.
Deshalb bleibt sein Laden an diesem Tag immer lange geöffnet.
Die letzten Kunden sind dankbar, denn sie kaufen noch schnell ein „vergessenes“ Geschenk.
Der Mann mag Weihnachten nicht besonders.
Für ihn ist dieses Fest ein Tag, an dem viele nur feiern, weil man es eben tut.
Oft streiten die Leute sogar noch mehr als sonst. Für ihn ergibt das keinen Sinn.
Seit seine Frau Hilda gestorben ist, feiert er nicht mehr.
Seine Kinder leben weit weg, haben ihr eigenes Leben.
Er hat sich daran gewöhnt.
Es tut auch nicht mehr so weh wie früher.
Wie jeden Abend geht er durch die Altstadt zum „Rebenwirt“.
Dort isst er eine Suppe, trinkt ein Glas Wein, redet kurz mit Stammgästen.
Es sind Menschen, auf die heute ebenfalls niemand wartet.
Dann kauft er eine kleine Mahlzeit für den Abend: Rotwein und eine Fleischtarte.
Als er später über den Platz geht, läuten die Kirchenglocken zum Gottesdienst.
Der Mann hat Zeit. Niemand erwartet ihn.
Und obwohl er in dieser Nacht vielen traurigen Gestalten begegnen könnte – wie in den Weihnachtsgeschichten – sieht er niemanden.
Kein Bettler. Kein frierendes Kind. Kein einsamer Hund.
Er ist erleichtert.
Nicht jedes Klischee muss sich erfüllen.
Und manchmal ist ein stiller Abend, ganz ohne große Gefühle, auch in Ordnung.
© Elke Bräunling
Fragerunde zur Geschichte
1 Warum bleibt der Buchhändler an Heiligabend besonders lange im Laden?
2 Welche Einstellung hat er zu Weihnachten. Und warum?
3 Weshalb fühlt er sich an diesem Tag nicht einsam, sondern eher neutral?
4 Welche Rolle spielt die Erinnerung an seine Frau Hilda?
5 Warum feiert er nicht mehr?
6 Welche Bedeutung haben die Stammgäste im Wirtshaus für ihn?
7 Was sagt die Szene über Menschen aus, die „Klischees“ erwarten?
8 Warum ist er erleichtert, niemanden zu treffen, der Hilfe braucht?
9 Welche Bedeutung kann ein ganz normaler, stiller Abend an Weihnachten haben?
10 Haben Sie selbst erlebt, dass Weihnachten nicht immer „so sein muss“, wie andere es erwarten?

