Mittagspause und die angehaltene Zeit

Kleine sommerliche Atempause – Die ländliche Stille zur Mittagszeit

Mittagspause. Ich gehe in den Garten, atme tief ein und aus und setzte mich an die Mauer, die die Wiese vom Garten trennt. Es duftet nach frisch geschnittenem Gras und salziger Luft und ein bisschen auch nach warmer, frisch gemolkener Milch, Butterbrot mit frischem Schnittlauch und Kuhstall. Ein Duft, der mich an einen Urlaub auf der Alm erinnert.
Ich schließe die Augen, gebe mich dem Moment des frühen Nachmittags hin und lausche der Zeit. Neben mir auf der Wiese zirpen die Grillen. Sie beginnen mit ihrem Konzert immer kurz nach dem Mittagsläuten von der Dorfkirche her. Eine Amsel singt ihr kleines Nachmittagslied, über den Bäumen kreist das Bussardpärchen mit klagenden Lauten, die an Möwengesänge erinnern, und in der Hecke zwitschern Meisen, Grasmücken, Rotkehlchen und Buchfinken. Sie haben hier ihre Nester und sind sehr beschäftigt. Ein paar Spatzen, die unterm Dach und zwischen den Ziegeln des alten Hauses leben, streiten. Das tun sie immer. Es gehört in diese Wochen, in denen sie ihre Nester bauen und die Jungen großziehen.
Die Amsel hat nun Mitstreiter gefunden. Vom nahen Wald bekommt sie Antworten und auch vom Feld und der anderen Seite des Tales her. Ein Trio aus sich in der Sangeskunst überbietenden Arpeggien, die zu lebensfröhlichen Arien werden.
“Genieße!”, flüstert eine Stimme mir zu. Und das tue ich auch. Ich halte die Zeit für ein Weilchen an und genieße. Und für einen Moment hält die kleine Dorfwelt den Atem an. Es ist, als ob alle dem Gesang lauschten.
Mittagssonne. Ruhezeit für Mensch und Tier. Nein, die Tiere haben zu tun. Sie müssen singen, zwitschern, jubeln, zirpen, streiten, rascheln, kuscheln, piepen, balzen. Eine leise Windböe rauscht heran. Sie schmückt das kleine Mittagskonzert mit der Melodie wehender Blätter. Es passt alles zusammen. Auch der Traktor,  der nun heran tuckert und die laute Stille noch etwas lauter macht. Er passt. Alles passt.
Nur der Wecker im Smartphone, der mich mit einem sonoren Glockenspiel zur Arbeit zurückruft, hat nichts in diesem Idyll zu suchen. Er tut auch nur seine Pflicht.
Ich öffne die Augen,  bedanke mich für das Konzert der bewegten Stille und gehe mit einem Lächeln ins Haus zurück. Morgen, morgen um diese Zeit werde ich wieder hier sitzen und träumen.
Die Amsel singt noch immer. Sie lässt sich nicht beirren, wenn sie erst einmal mit ihrer Sangeskunst begonnen hat.

© Elke Bräunling


Mittagspause

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