Herbstwettertheater

Fröhliche Kindergeschichte für Senioren zum Vorlesen – Wie wird das Wetter im Herbst?

„Müde“, sagte der späte Sommer. „Ich bin sehr müde.“
Er gähnte ein paar Mal und mit jedem Gähnen schickte er dem Land einen warmen Regenguss.
„Müde“, knurrte auch der frühe Herbst. „Das bin ich ebenfalls. Ich will mich deshalb noch nicht auf den Weg machen. Es ist zu früh. Man erwartet mich noch nicht.“
„Deine Zeit, lieber Herbst, wäre aber nun gekommen. Fast.“ Die Stimme des Sommers klang bittend. Er fühlte sich wirklich sehr erschöpft. Die letzten Monate waren anstrengend gewesen. Allen hatte er es recht machen wollen, aber das war ihm nicht gelungen. Ob Sonnenschein oder Regen, ob Hitze oder Kühle, nie waren alle zufrieden mit ihm gewesen. Das machte ihn traurig und, um ehrlich zu sein, ein bisschen hatte er auch die Nase voll vom täglichen Sommerstress.
„Von mir erwarten die Menschen immer, dass ich perfekt bin“, klagte er. „Das aber kann nicht funktionieren. Nichts und niemand kann immer perfekt sein. Sei froh, lieber Kollege Herbst, dass man dich mit Wetterwünschen in Ruhe lässt. Du darfst stürmen und nebeln und sonnig sein, wann und wie immer du es haben möchtest. Keiner meckert mit dir.“
„Stimmt.“ Der Herbst nickte. „Und ich sage dir: Ganz schön langweilig ist dies. Langeweile aber ist die Schwester der Müdigkeit. Oder, warum, denkst du, bin ich noch immer so schläfrig?“
Der Sommer schwieg für einen Moment. Er musste nachdenken. Langeweile als Schwester der Müdigkeit? Langeweile? Was war das überhaupt? Er kannte sie nicht.
„Falsch, Kollege“, antwortete er schließlich. „Die Unzufriedenheit ist’s, die müde macht. Die eigene und die der Menschen. Sie nämlich sind unzufrieden mit mir und ich bin es mit ihnen ihrer unerfüllbaren Wünsche wegen. Glaube mir, ich kann meinen Job in diesem Jahr nicht mehr zu Ende führen. Ich will es auch nicht. Könntest du nicht, ausnahmsweise, unter Umständen vielleicht doch etwas früher kommen und mich ablösen?“
Der Herbst aber schwieg. Er war längst wieder eingeschlafen. Oder tat er nur so?
„Müde bin ich auch“, meldete sich da der Frühling zu Wort. „Und deshalb wäre ich euch dankbar, wenn ihr euch etwas leiser unterhalten könntet. Ihr raubt mir meinen wohlverdienten Schlaf. Mein Frühjahr ist nämlich anstrengend gewesen, wie ihr wisst.“
Der Frühling klang erregt und der Sommer erschrak.
„Entschuldige“, murmelte er, „ich … ich wollte doch nur …“
Was er noch sagen wollte, hörte keiner mehr. Der Sommer war mitten im Satz eingenickt. Er war wirklich sehr, sehr müde.
Einzig der Winter war wach und voller Tatendrang.
„Oha!“, rief er. „Die Kollegen schlafen? Und keiner sorgt für das Wetter? Nein, so geht das nicht. Da muss ich doch gleich einspringen. Frische und Kälte machen bekanntlich munter.“
Der Winter freute sich. Schon lange hatte er es sich gewünscht, auch einmal einen Platz im Spätsommertheater zu ergattern. Und schnell schickte er dem Land ein Gewitter mit dicken Hagelkörnern, beißendem Wind und kalter Luft. Dann wartete er. Bestimmt würde es nicht lange dauern, bis die Schläfer wieder erwachten und wie sonst auch in dieser Jahreszeit miteinander um die Herrschaft im Land streiten würden. Wetten?

© Elke Bräunling

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildquelle © giani/pixabay

Geschichte für Senioren zum Vorlesen, bei Veranstaltungen u. geselligem Beisammensein, im Seniorenheim und/oder Zuhause

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