Im Dunkel der Nacht

Im Dunkel der Nacht

Eine Geschichte zum Ende des Jahres und der Beginn von etwas Neuem

Titel + Illustration Frau am Fenster schaut ihn den Himmel, Blüte der Hoffnung schemenhaft am Himmel„Manchmal genügt ein einziger Funken Licht, um uns zu erinnern, dass Hoffnung nie verschwindet.“

Zum Jahresende wird die Welt oft stiller … und zugleich lauter in uns selbst.
Diese Geschichte erzählt von einer besonderen Nacht, in der eine geheimnisvolle Stimme Mut macht, wieder auf das eigene Gefühl zu hören. Sie spricht von Zweifel, Sehnsucht und dem kleinen Wunder eines Hoffnungszeichens am Himmel.
Eine sanfte, tröstliche Erzählung für Senioren, die beim Vorlesen Wärme schenkt und einlädt, über das eigene innere Licht nachzudenken.
Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde.

 

 

Im Dunkel der Nacht – und alles wird gut

Es war eine jener Nächte zum Jahresende, in denen die Sterne besonders hell funkelten und der Mond einem zarten Silberball gleich das Dunkel ein bisschen heller machte, als eine Glocke im Turm der Peterskirche zu läuten begann. Es war das kleine Glöckchen, das nur an ganz besonderen Tagen über den Dächern der kleinen Stadt erklang.
Die, die noch wach waren und es hörten, hielten den Atem an und verhielten sich mucksmäuschenstill und die, die bereits schliefen, bekamen so etwas wie eine herzliche Umarmung in ihren Traum gesandt. Es war einer jener Momente, den man in die Arme schließen mochte und nie wieder vergessen wollte, und er schenkte ein Gefühl der Geborgenheit, das rar geworden war in dieser wilden Welt.
„Schlaft gut … und wacht auf!“, raunte da plötzlich eine Stimme im Rhythmus des Glockenklangs. „Strengt euren Verstand wieder an, denkt selber und vertraut nicht auf das, was andere euch sagen! Hört ihr, ihr Menschen? Vertraut wieder mehr auf euch selbst und eure Intuition. Nur ihr allein könnt euch nicht belügen. Denkt … wieder … selbst … und … hört … auf … eure … Gefühle. Sie sind das Sprachrohr eurer Seele. Hört ihr?“
Allüberall war dieses Raunen nun zu hören. Auch die Frau, die am Fenster stand und die Nacht umarmte, hatte es vernommen. Sie erschrak. Dann lächelte sie. Es war, als hätte die Stimme ihre Gedanken in die Nacht gerufen und das tröstete sie sehr. War sie also doch nicht allein und vor allem eins: Irrte sie doch nicht? Durfte sie auf ihr Bauchgefühl hören und vertrauen? Fast hätte sie die Hoffnung schon aufgegeben.
„Ja“, murmelte sie. „Das ist die Chance, aus dieser Misere wieder herauszukommen. Wir müssen wieder lernen, auf uns selbst zu vertrauen und nicht länger auf die Meinung anderer zu hören. Wie oft tun wir Dinge, die uns Bauchweh verursachen, weil sich irgendetwas in uns dagegen sträubt? Wir alle müssen unsere eigenen Eingebungen wieder zu schätzen lernen. Nur wie?“
Nur wie? Sie seufzte. Es war so viel einfacher, die Verantwortung abzugeben und zu tun, was andere vorschrieben. Ihr und allen anderen Menschen.
„Habt ihr es gehört?“, rief sie laut, als die Glocke verstummt war. „Keiner hat das Recht, anderen vorzuschreiben, was sie zu tun haben und was nicht. Keiner! Hört ihr? Nein, ihr schlaft schon. Ihr schlaft schon zu lange und hört nie zu. Auch das habt ihr verlernt.“ Tränen rannen über ihre Wangen.
Sie wollte gerade das Fenster schließen, als eine verfrühte einsame Silvesterrakete aus einem der engen Höfe emporschoss und himmelwärts glitt. Ein langsamer, den Moment auskostender Flug ins Dunkel. Er endete in funkelnden Lichtpunkten, die das Bild einer weißen Anemone an den Himmel malten.
Die Frau staunte.
„Eine Anemone! Blume der Hoffnung!“, flüsterte sie und ein tröstendes Gefühl durchflutete sie. „Jedes Lichtpünktchen ein Hoffnungsfünkchen!“
Sie trocknete die Tränen, dann beugte sie sich aus dem Fenster und rief dem Himmel zu: „Dankeschön! Es gibt sie noch, die Hoffnung! Wie gut das ist! Ja, alles wird gut!“

© Elke Bräunling

Illustration Frau am Fenster schaut ihn den Himmel, Blüte der HOffnung schemenhaft am Himmel

 

 

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Kurzfassung

Im Dunkel der Nacht

Kurze Fassung in einfacher Sprache

Es ist eine besondere Nacht zum Jahresende.
Die Sterne leuchten hell, der Mond macht das Dunkel weich.
Plötzlich beginnt die kleine Glocke der Peterskirche zu läuten. Diese Glocke hört man nur an besonderen Tagen.
Alle Menschen, die noch wach sind, halten inne.
Und die, die schlafen, spüren etwas wie eine sanfte Umarmung in ihren Träumen.
Die Nacht wirkt warm und friedlich.
Dann ertönt eine Stimme, leise und doch überall zu hören:
„Denkt wieder selbst. … Hört auf euer Gefühl. … Vertraut eurer Intuition.
Belügt euch nicht selbst.“
Diese Worte erreichen auch eine Frau, die am offenen Fenster steht.
Sie erschrickt.
Dann lächelt sie, denn genau das hat sie selbst seit Langem gedacht.
Sie fühlt sich plötzlich nicht mehr allein und spürt:
Ihr Bauchgefühl täuscht sie nicht.
Doch dann kommen Zweifel.
„Wie sollen wir Menschen wieder lernen, uns selbst zu vertrauen?
Warum lassen wir uns so oft sagen, was wir tun sollen?
Warum überhören wir unser eigenes Gefühl?“
Niemand antwortet.
Die Frau ruft verzweifelt in die Nacht, doch die Menschen schlafen weiter.
Zu lange schon.
Gerade als sie das Fenster schließen will, steigt eine einzelne Silvesterrakete langsam in den Himmel.
Sie öffnet sich lautlos in funkelnden Punkten wie eine große weiße Blüte. Eine Anemone.
„Eine Anemone … die Blume der Hoffnung“, flüstert die Frau.
In diesem Moment spürt sie tief in sich:
Es gibt noch Hoffnung.
Jedes Licht ist ein kleines Hoffnungsfunken.
Alles wird gut.

© Elke Bräunling

 

Fragerunde zur Geschichte

1 Was macht diese Nacht so besonders und anders als andere Nächte?
2 Welche Wirkung hat das Glockenläuten auf die Menschen?
3 Was könnte die mysteriöse Stimme symbolisieren?
4 Warum fühlt sich die Frau durch die Worte der Stimme verstanden?
5 Was bedeutet „auf die eigene Intuition hören“?
6 Warum ist es manchmal schwer, selbst zu denken und nicht anderen zu folgen?
7 Weshalb weint die Frau? Und weshalb lächelt sie am Ende wieder?
8 Welche Bedeutung hat die Silvesterrakete in Form einer Anemone?
9 Wieso steht die Anemone als „Blume der Hoffnung“?
10 Was könnten wir aus dieser Geschichte für das neue Jahr mitnehmen?

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