Die Petersburger Schlittenfahrt
Die Petersburger Schlittenfahrt
Wintererzählung
Ein Abend mit Neuschnee und Erinnerungen
Manchmal genügt ein einziger Klang, um Türen zu öffnen, die längst verschlossen schienen. Ein leises Glöckchen im Winterabend, eine vertraute Melodie, der Duft des frischen Schnees – und plötzlich steht die Kindheit wieder neben uns.
Diese Geschichte erzählt von einem solchen Moment: zart, warm und voller Erinnerung.
Kurze Fassung in einfacher Sprache und Fragerunde
Die Petersburger Schlittenfahrt
Von irgendwoher über die Wiesen hallt Glöckchenklang zu ihr herüber. Ein gleichmäßiger Klang vieler kleiner Glöckchen im Takt einer kaum hörbaren Melodie.
Kling kling kling kling ….
Pauline spitzt die Ohren und lauscht. Was für eine liebliche Musik! Sie erinnert sie an etwas, das eine lange Zeit zurückliegt.
„Die Petersburger Schlittenfahrt“, murmelt sie und schließt die Augen.
Und jetzt hört sie die Melodie besser. Und noch etwas ist ganz deutlich zu spüren, die Nähe eines Menschen direkt an ihrer Seite. Ein vertrautes Gefühl und ein lang vermisster Duft. So riecht nur Johann. Tief atmet sie ein und wagt nicht, die Augen zu öffnen. Sie will jetzt nicht wahrhaben, dass er gar nicht da ist. Wer weiß, ob er überhaupt noch lebt, der Freund aus Kindertagen.
„Ich bin dein Winterfreund“, hat er immer gesagt und dabei so lieb gelacht, dass man die Grübchen auf seinen Wangen sehen konnte. Mit dem Pferdeschlitten hat er sie und ihre Freundin Greta jeden Morgen mitgenommen zum Gymnasium in die Stadt. Tag für Tag. Schulbusse hat es damals nicht gegeben und das war auch gut so. Wie sehr hat sie doch diese Schlittenfahrten durch die Winterwelt geliebt! Nur sie drei sind unterwegs gewesen: Johann, Greta und sie.
Pauline nimmt sich in diesem Moment fest vor, nachzuforschen, wo die beiden Freunde abgeblieben ist und wie es ihnen heute geht. Und auf einmal friert sie nicht mehr. Ihr ist warm wie damals im Schlitten unter der alten Felldecke.
Wieder hört sie das Klingen der Glöckchen in der Ferne. Es kommt näher.
Pauline tritt hinaus auf die Terrasse. Hm! Wie herrlich der Neuschnee duftet! Verzückt breitet sie die Arme aus, um die frische Winterluft tief in sich aufzunehmen.
„Mama? Was machst du denn da draußen? Du wirst dich erkälten!“ Vorsichtig umfasst ihr Sohn ihre Schulter. „Komm, lass uns rein gehen!“
„Gleich, mein Liebling! Ich … ich muss den Glöckchen hinterher träumen. Sie klingen so schön“, murmelt Pauline. „Wie früher! Die Petersburger Schlittenfahrt. Erinnerst du dich?“
„Mama! Was redest du? Was für eine Schlittenfahrt?“ Die Stimme ihres Sohnes klingt erschrocken.
Pauline lacht auf. „Keine Bange, mein Schatz! Ich bin nicht verrückt geworden, nur gerade etwas … verträumt … und das ist gut so. Manchmal muss man der Vergangenheit in seinen Träumen Raum geben, damit all die Erinnerungen in der Seele nicht verkümmern.“
„Aber du hast doch nicht in St. Petersburg gelebt!“
Pauline lacht. „Die Petersburger Schlittenfahrt? Das ist ein Musikstück* und gehört für mich in meiner Erinnerung zu einer Schlittenfahrt, und das ist gut so.“
Ihr Sohn lacht mit. „Ja, das ist gut so.“
Dann schweigen beide und lauschen in die weiße Nacht hinaus dem Hall der Glöckchen hinterher.
„Hörst du sie nun auch?“, flüstert Pauline und ihr Sohn antwortet voller Andacht:
„Ja, ein bisschen, glaube ich.“
* Petersburger Schlittenfahrt, Galopp mit einer Melodie von Richard Eilenberg 1885/86
© Elke Bräunling

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Kurzfassung
Die Petersburger Schlittenfahrt
Kurze Fassung in einfacher Sprache
Pauline steht am Fenster und hört ein leises Klingen.
Viele kleine Glöckchen – wie eine Melodie aus früheren Zeiten.
Sie schließt die Augen und erinnert sich an ihre Jugend:
Damals holte Johann, ihr Freund aus Kindertagen, sie jeden Morgen mit dem Pferdeschlitten ab. Pauline, Greta und Johann fuhren gemeinsam durch die verschneiten Felder in die Stadt zur Schule.
Es gab keine Busse und Pauline liebte diese winterlichen Fahrten.
Der Klang der Glöckchen, der Duft des Pferdes, die Nähe ihrer Freunde – all das macht ihr Herz warm.
Jetzt, viele Jahre später, spürt sie wieder diese Wärme.
Sie beschließt:
„Ich werde nachforschen, was aus Johann und Greta geworden ist.“
Pauline geht hinaus auf die Terrasse.
Der Schnee duftet frisch.
Sie fühlt sich für einen Moment wie damals unter der warmen Felldecke.
Ihr Sohn kommt dazu und sorgt sich:
„Mama, du erkältest dich noch! Komm rein!“
Aber Pauline lächelt nur.
Sie erklärt ihm:
„Ich träume gerade den Glöckchen hinterher. Das ist schön und wichtig.
Erinnerungen müssen Platz haben, sonst verkümmern sie.“
Ihr Sohn versteht das erst nicht.
Er fragt verwirrt: „Aber du hast doch nie in St. Petersburg gelebt?“
Pauline lacht.
„Die Petersburger Schlittenfahrt ist ein Musikstück“, sagt sie. „Für mich gehört es einfach zu meinen Erinnerungen zu den Schlittenfahrten von früher.“
Gemeinsam stehen sie noch eine Weile da, schweigen und lauschen in die weiße Winternacht.
Da flüstert Pauline: „Hörst du die Glöckchen jetzt auch?“
Und ihr Sohn sagt leise: „Ja… ein bisschen schon.“
© Elke Bräunling
Fragerunde zur Geschichte
1 Was hört Pauline zu Beginn der Geschichte?
2 Welche Erinnerung wird durch den Glöckchenklang geweckt?
3 Mit wem ist Pauline früher im Schlitten gefahren?
4 Warum gab es damals keinen Schulbus?
5 Welche Gefühle verbinden sich für Pauline mit den Schlittenfahrten?
6 Was nimmt sich Pauline fest vor, nachdem sie an Johann und Greta denkt?
7 Warum tritt sie hinaus in den winterlichen Garten?
8 Was befürchtet Paulines Sohn, als er sie draußen stehen sieht?
9 Wie erklärt Pauline ihrem Sohn die „Petersburger Schlittenfahrt“?
10 Warum ist es wichtig, der Vergangenheit und den Erinnerungen Raum zu geben?

