Maikäfer flieg*
Maikäfer flieg
Friedensgeschichte für Groß und Klein
Ein leises Frühlingslied kann mehr erzählen, als es auf den ersten Blick scheint.
Ein Lied, das zugleich schön und traurig ist. Diese Geschichte erzählt vom „Maikäfer flieg“-Lied, von Erinnerungen an den Frühling und davon, wie wichtig es ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen – und trotzdem das Leichte im Leben zu bewahren.
Diese Geschichte verbindet Erinnerungen, Musik und das leise Nachdenken über Frieden mit einfacher Fassung, Sachtext, Fragerunde, Mitmachtipp. Sie eignet sich zum Vorlesen, für Gespräche mit Kindern oder als ruhiger Impuls für Seniorenrunden.
Inhalt
Originalgeschichte
Einfache Fassung
Fassung für Menschen mit Demenz
Fragerunde
Warum Lieder Erinnerungen wachhalten
Mitmachen: Singen & Bewegung
Vom Frühlingslied zum Kriegslied
Maikäfer flieg
Jedes Jahr im Mai herrschte bei uns im Garten so etwas wie Krieg. Wir nannten es den Maikäferkrieg. Und nein, es war nicht wegen der Maikäfer. Es war wegen des Liedes.
„Maikäfer flieg…“, sang Nachbarin Bäuerle zur rechten, wenn sie im Garten unterwegs war. „Maikäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland. Und Pommerland ist abgebrannnt. Tam, ta, ta, taaa…“
Ein grausig schönes Lied, wie wir fanden. Wir mochten es nicht und doch liebten wir es.
Das war schwer zu erklären. Das Lied machte neugierig und es erinnerte an traurige und schreckliche Zeiten, die wir Menschen nie vergessen sollten. Wegen des Textes. Es machte aber auch glücklich und so etwas wie ein behagliches Gefühl stellte sich ein, wenn wir das Lied hörten. Wegen der Melodie … und auch wieder wegen der Maikäfer.
„Die Maikäfer ziehen ja nicht in den Krieg“, meinte meine Schwester Lena dann. „Sie sind nicht böse. Sie fliegen in die Baumkronen und in den Himmel hinauf und ihr Brummensummen klingt schön. Es klingt nach Frühling und Mai und frischen, hellgrünen Blättern.“
Das stimmte. Immer wenn ich das Lied hörte, dachte ich daran, wie sehr ich mich darüber freute, dass der Mai gekommen war und es nicht mehr lange bis zum Sommer und den großen Ferien dauern würde. Nach Krieg und dem verbrannten Pommernland und an das Verlassensein dachte ich weniger. Das Lied erinnerte uns eher an Maikäfer, blauen Himmel, helle grüne Baumkronen und Fliederduft. Und wenn wir es hörten, oder manchmal auch sangen, rann es uns schaurig schön und wohlig den Rücken hinab.
Vielleicht fühlte Nachbarin Bäuerle ja genau so wie wir, wenn sie im Frühling das Lied bei der Gartenarbeit sang?
Oma Wimmer jedenfalls dachte ganz anders. Sie ärgerte sich nämlich und zwar richtig heftig, wenn Frau Bäuerle das Maikäferlied sang.
„Das gibt es doch nicht!“, schimpfte sie dann lauthals in ihrem Garten vor sich hin. „Hört das denn nie auf mit diesen entsetzlichen Kriegsliedern? Und sie rief dieses ‚entsetzlich‘ mit langgezogenen Silben, und das klang dann ungefähr so: ent … setz … lich! Und weil sie das alles so schrecklich fand, fing sie dann gleich auch noch mit dem Singen an.
„Schlaf, Kindchen, schlaf“, sang sie und dieses Lied hatte die gleiche Melodie wie das Maikäferlied, bloß fand da kein Krieg statt und keine Feuersbrunst und keine Einsamkeit. Nein, aus dem Lied wurde ein sanftes Schlafliedchen.
„Schlaf, Kindchen, schlaf. Der Vater hüt‘ die Schaf, die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein. Schlaf, Kindlein, schlaf! Tam, ta, ta, taaa…“
Ein Schlaflied zur besten Mittagszeit im sonnigen Maienmittagsgarten. Und ein Kriegslied. Eines von links und eines von rechts. Und jedes versuchte, das andere zu übertönen.
„Maikäfer, schlaf“ und „Flieg, Kindchen, flieg!“ und in den Gärten tobte der Krieg. Ein Liederkrieg und der war laut und er nervte.
So ging das immer wieder von Neuem an den Gartennachmittagen, bis Irgendjemand aus der Nachbarschaft laut und vernehmlich fluchte und dem Fluch ein „Ruhe jetzt! Wie sind doch nicht im Krieg!“ hinterher schickte.
„Das Maikäferlied schadet den Kindern nicht“, sagte mein Großvater einmal zu Oma Wimmer, als die sich bei ihm beklagte. „Lieder von Sternelein und Träumelein beruhigen, aber sie lehren uns nicht die Geschichte.“
Und zu Frau Bäuerle sagte er:
„Genau so wenig ist es erbaulich für die Seele, immer nur von schwarzen Stunden hören zu müssen. Der Mittelweg, meine Damen, der goldene Mittelweg ist die Brücke zum Frieden und zur Menschlichkeit.“
Okay, was er damit gemeint hatte, hatte ich damals nicht verstanden. Als Kind muss man ja auch nicht alles verstehen. Aber ich bin froh, dass ich das Maikäferlied mit dem Krieg und dem verbrannten Land kennen lernen und singen durfte. Besonders heute.
© Elke Bräunling
💬 Welche Lieder aus deiner Kindheit sind dir bis heute im Gedächtnis geblieben?

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Einfache Fassung
Maikäfer flieg – einfache Fassung
Im Mai ging es im Garten oft sehr lebendig zu.
Die Sonne schien, die Blumen blühten und die Menschen arbeiteten draußen.
Nachbarin Frau Bäuerle sang dabei gern ein Lied.
„Maikäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland. Und Pommerland ist abgebrannnt. Tam, ta, ta, taaa…“
Das Lied klang schön.
Die Melodie war leicht und vertraut.
Doch der Text erzählte von Krieg und schweren Zeiten.
Die Kinder wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten.
Einerseits fanden sie das Lied traurig.
Andererseits mochten sie es. Es war eine schöne Melodie.
Sie dachten dabei nicht nur an den Krieg.
Sie dachten an den Frühling.
An Maikäfer, die durch die Luft brummen.
An helle, grüne Bäume und den Duft der Blumen.
Nachbarin Oma Wimmer hörte das Lied gar nicht gern.
Sie wurde richtig ärgerlich.
„Immer diese Kriegslieder!“, schimpfte sie.
Darum begann sie, ein anderes Lied zu singen.
Ein ruhiges Schlaflied: „Schlaf, Kindchen, schlaf…“
Es hatte die gleiche Melodie. Nur der Text war anders.
Nun sangen beide Frauen gleichzeitig.
Die eine laut und traurig.
Die andere ruhig und sanft.
Es wurde ein richtiger Liederstreit im Garten.
Mal hörte man das eine Lied lauter, mal das andere.
Das war manchmal ganz schön anstrengend.
Eines Tages sprach der Großvater mit den beiden Frauen.
Er sagte: „Wir sollen die schweren Zeiten nicht vergessen. Die Lieder erinnern uns daran.“
Dann sagte er: „Aber wir brauchen auch schöne Lieder. Lieder, die uns beruhigen und Freude machen.“
Zum Schluss sagte er: „Ein guter Weg liegt oft in der Mitte.“
Die Kinder hörten zu.
Sie verstanden es damals noch nicht ganz.
Aber sie merkten sich den Gedanken.
Und der Mai blieb für sie ein besonderer Monat.
Mit Maikäfern, Liedern und vielen Gefühlen.
© Elke Bräunling
Sehr einfache Fassung für Menschen mit Demenz
Das Maikäferlied – sehr einfache Fassung
Im Mai ist es warm.
Die Blumen blühen.
Eine Nachbarin singt im Garten:
„Maikäfer flieg …“
Das Lied klingt schön.
Aber der Text ist traurig.
Eine andere Frau mag das Lied nicht.
Sie singt ein ruhiges Schlaflied.
Nun hört man zwei Lieder.
Das ist laut.
Ein alter Mann sagt:
„Beides ist gut. Wir sollen an früher denken.
Aber wir brauchen auch schöne Lieder.“
Die Kinder hören zu.
Der Mai ist trotzdem ein schöner Monat.
Die Maikäfer fliegen.
© Elke Bräunling
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Lange Fragerunde – Erinnerung, Lieder & Gefühle
🎶 Lieder von früher
• Kennen Sie das Lied „Maikäfer flieg“?
• Haben Sie es früher gesungen oder gehört?
• Welche Lieder aus Ihrer Kindheit fallen Ihnen ein?
• Gab es ein Lieblingslied?
🌿 Gefühle bei Liedern
• Können Lieder Erinnerungen wecken?
• Gibt es Lieder, die Sie traurig machen?
• Gibt es Lieder, die Ihnen gut tun?
• Haben Sie schon einmal ein Lied gehört, das schön und traurig zugleich ist?
🏡 Erinnerungen an früher
• Wie war der Frühling früher für Sie?
• Haben Sie draußen gespielt oder im Garten geholfen?
• Erinnern Sie sich an Maikäfer?
• Gab es besondere Geräusche im Frühling?
👵 Unterschiedliche Meinungen
• Haben Sie schon einmal erlebt, dass Menschen verschiedener Meinung sind?
• Wie sind Sie damit umgegangen?
• Fällt es Ihnen leicht, andere Meinungen zu akzeptieren?
⚖️ Der „Mittelweg“
• Was bedeutet für Sie ein guter Mittelweg?
• Muss immer einer recht haben?
• Kann es auch zwei Seiten geben?
💛 Frieden & Miteinander
• Was bedeutet Frieden für Sie?
• Was hilft, damit Menschen gut miteinander auskommen?
• Was ist Ihnen im Umgang mit anderen wichtig?
🌱 Heute
• Hören Sie heute noch gern Musik?
• Welche Musik mögen Sie heute besonders?
• Gibt es ein Lied, das Sie beruhigt?
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Warum Lieder Erinnerungen wachhalten
Lieder begleiten uns oft ein Leben lang.
Viele Menschen kennen noch die Melodien aus ihrer Kindheit.
Manchmal reichen schon ein paar Töne und plötzlich ist eine Erinnerung wieder da.
Das liegt daran, dass Musik und Gefühle eng miteinander verbunden sind.
Wenn wir ein Lied hören, erinnern wir uns nicht nur an den Text oder die Melodie.
Nein, wir erinnern uns auch an Situationen:
Vielleicht an einen warmen Frühlingstag. An die Stimme eines vertrauten Menschen. Oder an einen bestimmten Ort.
Ein Lied kann uns zurückführen in eine andere Zeit. Es kann uns trösten und es kann uns zum Lächeln bringen.
Manchmal macht es uns auch nachdenklich. Gerade alte Lieder tragen oft viele Geschichten in sich. Sie erzählen von Freude und von schweren Zeiten. Deshalb ist es gut, solche Lieder nicht zu vergessen. Sie helfen uns, die Vergangenheit zu verstehen. Und gleichzeitig schenken sie uns im Hier und Jetzt
ein Stück Vertrautheit. Ein bekanntes Lied nämlich kann sich anfühlen wie ein kleiner Anker. Etwas, das bleibt.
Vielleicht ist es genau das, was der Großvater gemeint hat:
Dass wir beides brauchen. Die Erinnerung und die schönen, leichten Momente – und die Musik, das Singen, und die Lieder helfen uns dabei.
Mitmachen: Singen, spüren, sich bewegen
Es gehört nicht viel dazu, um ein Lied lebendig werden zu lassen.
Ein leiser Anfang reicht. Vielleicht summt jemand die Melodie vor. Ruhig, ohne Worte. Und wer mag, summt einfach mit. Nach und nach kommen vielleicht erste Worte – oder auch nur einzelne Silben – dazu. Alles ist erlaubt. Es muss nichts perfekt sein.
Die Hände können dabei helfen.
Man kann sie ruhig auf die Knie legen und ganz sanft den Takt klopfen.
Langsam und gleichmäßig.
Vielleicht wippen die Füße ein wenig mit.
Oder die Schultern bewegen sich ganz leicht.
Wenn die Stimmung es zulässt, darf mehr daraus werden.
Ein kleines Schaukeln im Sitzen.
Ein vorsichtiges Aufstehen.
Ein paar Schritte auf der Stelle.
Kein Tanzen im großen Sinn.
Eher ein leises Tändeln.
Ein Mitgehen mit der Musik.
Wichtig ist:
Jeder darf so mitmachen, wie es sich gut anfühlt.
Ein Summen.
Ein Klopfen.
Ein Lächeln.
Musik verbindet.
Und manchmal entsteht genau in diesen kleinen Momenten etwas ganz Besonderes:
Ein gemeinsamer Rhythmus. Ein gemeinsames Gefühl. Und vielleicht sogar ein kleines Stück Frieden.
Vom Frühlingslied zum Kriegslied
„Maikäfer flieg“ wirkt auf den ersten Blick wie ein einfaches Kinderlied.
Die Melodie ist leicht, fast wie ein Wiegenlied.
Der Text aber erzählt etwas anderes. Er spricht von Krieg, von Verlust, von einem verbrannten Land. Von einer Zeit, in der vieles unsicher und traurig war.
Solche Lieder sind oft in schweren Zeiten entstanden. Menschen haben sie gesungen, um das Erlebte auszudrücken, es es überhaupt ertragen zu können und auch ein wenig zu verarbeiten.
Oft tragen daher manche alten Kinderlieder zwei Seiten in sich: eine helle und eine dunkle.
Kinder hören meist die Melodie. Sie spüren den Klang, die Wiederholung, das Vertraute. Erwachsene hören mehr. Sie verstehen die Worte. Und die Geschichte dahinter.
So wird aus einem scheinbar einfachen Lied ein Erinnerungsstück. Ein Lied, das nicht nur vom Frühling erzählt, sondern auch von unserer Geschichte und von dem, was einmal war.
Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Kraft: Dass es beides zugleich sein kann. Leicht und schwer, hell und dunkel.
© Elke Bräunling


