Oma Wolke, der Sonnenstrahl und das Vergessen

Geschichte für Senioren zum Vorlesen – Freude über das Licht an einem trüben Wintertag

Das Wetter war in den letzten Wochen besonders unfreundlich, kühl und regennass. Und es war so dunkel, dass man meinen konnte, der Tag wolle gar nicht richtig Tag werden. Dunkel waren auch die Gedanken und Gefühle der Menschen.
Auch Oma Wolke fühlte sich unwohl und traurig und ein bisschen durcheinander. Den ganzen Tag war sie unterwegs gewesen und trotz Regenschirm, Regenmantel und Stiefeln immer wieder nass geworden. Besorgungen hatte sie gemacht und wie jeden Mittwoch hatte sie danach Cousine Annemie besucht. Und dieser Besuch hatte sie wieder sehr aufgeregt. Zuerst wollte Annemie sie nicht in die Wohnung einlassen, weil sie sie angeblich nicht erkannt hatte. Dann hatte sie nicht an das ausgeliehene Buch gedacht. Und dass sie mittwochs immer zusammen im Bistro nebenan eine Kleinigkeit aßen und danach bei ihrem Freund, dem alten Salvatore im Eiscafé Amadéo, einen oder zwei Espressi tranken, hatte sie ebenfalls vergessen.
„Annemie wird auch immer seltsamer“, schimpfte Oma Wolke nun vor sich hin, als sie den nassen Mantel zum Trocknen in der Garderobe aufhängte und die Stiefel auszog. „Als ob wir uns noch nie mittwochs zum Essen getroffen hätten! Wie kann sie das vergessen? Oh! Oh! Sie vergisst immer mehr. Oh! Oh!“
Oma Wolke seufzte und trat ans Fenster.
„Aber ist das ein Wunder? Dieses Wetter macht einen ja ganz verrückt!“ Sie schob die Vorhänge zur Seite. „Licht! Ich brauche Licht zum Atmen, zum Leben, zum Fröhlichsein.“
SonnenschimmerIm gleichen Augenblick blinkte ihr von einem der Fenster am Haus gegenüber das Licht eines Sonnenstrahls entgegen.
Oma Wolke blinzelte. Täuschte sie sich da nicht? Hatte sie gerade Sonne gesehen an diesen finsteren Wolkentag? Sie starrte zum Nachbarhaus hinüber. Jemand hatte ein Gesicht mit einem breiten, lachenden Mund in die staubige Scheibe des Fensters der kleinen Lina gemalt. Das Lachgesicht funkelte ihr im Schein eines Sonnenstrahls zu.
„Haben wir doch einen Sonnentag?“, rief Oma Wolke voller Staunen aus. „Schön seltsam und seltsam schön.“
Sie schüttelte den Kopf. Ja, seltsam war das schon. Als sie eben noch unterwegs gewesen war, hatte ausgesehen, als wollte der Regen gar nicht mehr mit dem Regnen aufhören.
Oma Wolke freute sich sehr über den Sonnenstrahl, der am Nachbarhaus drüben nun von einem Fenster zum anderen wanderte und, so schien es, Bilder an die Fensterscheiben malte. Sie lächelte. Dann aber verfinsterte sich ihre Miene.
„Oder täusche ich mich? Bilde ich mir diese Sonnenbilder nur ein? Wir haben heute einen Regentag.“ Sie zögerte. „Es kann auch sein, dass der gestrige Tag der Regentag gewesen war und ich es nur nicht mehr weiß? Vielleicht habe ich vergessen, dass wir heute Sonnenwetter haben und … und es geht mir schon genau so wie der armen Annemie, die auch alles vergisst. Oh nein, bitte nicht.“
Sie kam nicht weiter. Tränen steckten plötzlich in ihrer Kehle und sie musste sich sehr beherrschen, um nicht zu weinen.
Sie blickte wieder zum Nachbarhaus hinüber in das lachende Fenstergesicht. Der Sonnenstrahl war weiter gewandert und schon platschte neuer Regen vom Himmel.
Am Fenster drüben stand die kleine Lina nun. Sie lachte und winkte ihr zu.
Da winkte auch Oma Wolke und dann endlich lachte auch sie.
„Ich habe mich also nicht getäuscht und sollte das mit dem Vergessen schleunigst wieder vergessen“, sagte sie laut. „Was bin ich doch für eine törichte alte Frau!“
Ein Schluchzer entrang sich ihrer Kehle. Und dann weinte sie doch noch ein paar Tränen. Vor Erleichterung dieses Mal.

© Elke Bräunling

 

 

 

 

 

 

 

Winterspaziergang, Bildquelle © mirceaianc/pixabay

Geschichte für Senioren zum Vorlesen, bei Veranstaltungen u. geselligem Beisammensein, im Seniorenheim und/oder Zuhause

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