Waldfrühling und Glückskäfer

Frühlingsgeschichte für Groß und Klein – Der Wald erwacht aus dem Winterschlaf – Eine Frühlingssuche

Es wird wärmer. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und endlich regt es sich am Boden der kleinen Lichtung am Rande des großen Waldes. Die Glückskäfer erwachen. Das Kind sieht sie genau. Überall kriechen sie aus ihren Winterschlafplätzen hervor. Manche taumeln fast vor Müdigkeit, überwältigt von der lockend milden Luft. Und wieder andere müssen aufgeweckt werden.
Aber nun mal zu!
„Ja, beeilt euch!“, ruft das Kind, das mit seinem Großvater zur Frühlingssuche und zum Glückskäfer-Aufwecken in den Wald gekommen ist.
Der Großvater lächelt. „Psst!“, flüstert er. „Augen auf und Ohren gespitzt! Der Waldfrühling ist eine spannende Sache. Psst!“
Da! Eine Hummel surrt mit ungeduldigem Brummen über den Waldboden, der mit dürren Herbstblättern bedeckt ist. Nur hier und da ragt frisches Grün zwischen dem Laub hervor.
„Sie ist auf der Suche nach den Blüten der Waldgräser und Frühlingskräuter“, sagt der Großvater.
„Und sie sucht ihre Freunde, die Käfer und Ameisen und Schmetterlinge“, ruft das Kind und blickt der Hummel hinterher. „Ganz aufgeregt ist sie. Siehst du es?“
Der Großvater nickt. „Sie lockt die Schlafmützen, die noch unter ihren Blattverstecken ruhen, ans Tageslicht.“
Das Kind nickt eifrig. „Ja. Sie ruft nach ihnen. Ich höre es genau. ‚Aufwachen!‘, ruft sie ihren Waldfreunden zu, ‚der Frühling ist da! Die Sonne scheint und die Luft ist warm. Los, los, ihr Faulpelze, steht auf!‘ … Hörst du es auch, Großvater?“
Der Großvater nickt. Er lächelt und deutet auf einen Marienkäfer, der noch schläfrig ist und wieder unter ein Blatt kriechen möchte.
„Lausche!“, sagt er wieder. Psst!
Und da hören sie die Hummel. Sie schimpft. „Da will sich doch einer dieser faulen Kerle gleich wieder im Laub verstecken? Nichts da! Wach auf und mache deinen Job, Käfer! Du wirst erwartet. Los, los!“
„Was für ein Job?“, mault der kleine Käfer. „Gibt es denn schon saftige Blattläuse zum Schmausen?“
„Blattläuse? Pah!“ Die Hummel ist empört. „Glück bringen sollst du? Oder warum, glaubst du, nennt man dich Glückskäfer, he?“
„Ach! Ich bringe Glück?“ Fragend sieht der Käfer die Hummel an. „Wie macht man das? Wie bringt man Glück?“
Die Hummel ist nun ungehalten. „Dein Pech, wenn du das nicht selber weißt.“
„Okay. Dann bin ich eben ein Pechkäfer und ich habe Hunger.“
Der kleine Glückskäfer reckt sich und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Er hebt die Fühler, als schnuppere er, dann trottet er auf seinen sechs Käferbeinchen los in die Frühlingswelt. Langsam. Er hat Zeit. Zum Fliegen steht ihm noch nicht der Sinn. Erst richtig wach werden und Ausschau halten! Da, am besten vom Brombeerbusch aus.
„Achtung, Dornen!“, ruft das Kind ihm zu.
„Dornen? Ich bin ein Glückskäfer!“, antwortet der Käfer und die Hummel brummt: „Und du bist faul!“
Das Kind lacht, der Großvater schmunzelt und der Marienkäfer, der ein Glückskäfer ist, krabbelt langsam einen Brombeerzweig hinauf. Oben macht er Halt und sieht sich um.
„Irgendwie sieht der Wald anders aus als im letzten Herbst“, brummt er. „Heller, frischer, grüner … Ob dies der Frühling ist, von dem mir die Alten vor dem großen Winterschlaf erzählt haben?“
So ganz versteht der kleine Käfer diese neue Welt noch nicht und noch weniger hat er eine Idee, warum er ein Glückskäfer ist und ‚Glück bringen‘  soll. Egal.
„Hallo du!“, ruft er der Hummel hinterher. „Was gibt es Neues hier?“
Doch die Hummel ist längst unterwegs. Weitere Schläfer aufwecken. Sie hat noch viel zu tun.
Da plustert auch der kleine Marienkäfer seine Flügel auf. Er pumpt und pumpt, hebt ab und surrt mit einem leisen Brummsummen in die Waldwelt hinein.
„Tschüs“, ruft ihm das Kind hinterher. „Und vergiss nicht: Du musst Glück bringen.“ Es klatscht in die Hände und sieht den Großvater an. „Wie schön der Frühling doch ist!“
Der nickt. „Und wie schön es ist, wenn man den Blick für die kleinen Dinge nicht verliert. Aus dem Kleinen nur erwächst das Große.“

© Elke Bräunling

Auch hier wird im Wald der Frühling gesucht – und gefunden:
Ein besonderer Frühlingsmorgen im Wald

 


Leberblümchen – Frühlingsbotin, Bildquelle © HansLinde/pixabay

Meine Texte und die virtuelle Kaffeekasse

Kontaktieren Sie mich bitte, wenn Sie einen oder mehrere meiner Texte online oder printmäßig verwerten oder anderweitig publizieren möchten.

Und wenn Sie mir einen Becher Kaffee schenken möchten, einfach so, weil Ihnen die Geschichte gut gefallen hat, so freue ich mich sehr darüber. Herzlichen Dank! 💛