Rodeln wie früher
Rodeln wie früher
Wintergeschichte für Senioren
Manchmal braucht es nur einen alten Schlitten, frischen Schnee und einen Menschen, der uns kennt und uns zutraut, wieder zu staunen. „Rodeln wie früher“ erzählt von Mut im Alter, von leiser Sehnsucht und von der großen Freude, wenn Erinnerungen plötzlich wieder lebendig werden.
Eine Wintergeschichte für Senioren, die zeigt: Lebenslust kennt kein Verfallsdatum. Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde.
Rodeln wie früher
Es ist still in dieser Nacht. So still, wie es nur ist, wenn frisch gefallener Schnee alles dämpft und die Welt kurz innehält.
Mimi steht am Fenster und lächelt voller Glück. Sie legt die Hände an die Scheibe, als wolle sie die Kälte fühlen.
Draußen wirbeln Schneeflocken fröhlich im Licht der Laternen. Schön sieht das aus!
„Es sind fast zwanzig Zentimeter“, murmelt Anton und in seinen Augen spiegelt sich der Glanz des Laternenlichts. „So viel hat es schon lange nicht mehr geschneit.“
„Wie früher!“, sagt Mimi leise. „Ewig könnte ich hier stehen und staunen.“
Am nächsten Morgen scheint die Sonne von einem blauen Märchenhimmel. Es ist klirrekalt, aber die Kälte fühlt sich gut an. Dick eingemummelt in Jacken und Schals machen Anton und Mimi einen Spaziergang ums Dorf. Ihre Wangen glühen, kleine Atemwölkchen tanzen vor ihren Nasen. Unter den Füßen knirscht der Schnee.
„Herrlich“, schwärmt Mimi mit einem seligen Lächeln. „Ich fühle mich so lebendig wie lange nicht mehr.“
„Kälte kitzelt wach“, schmunzelt Anton.
Am Kirchberg bleiben sie stehen. Kinder rodeln hier. Sie jauchzen, rufen, lachen und purzeln durch den Schnee und haben viel Spaß.
„Oh ja!“ Mimi seufzt ein wehmütiges Seufzen. „Ich bin früher auch hier gerodelt“, sagt sie. „Immer wieder. Bis es dunkel war. Meine Hände waren eiskalt und meine Füße nass, aber ich wollte nicht nach Hause.“
Sie schweigt einen Moment. „Zu gerne würde ich noch einmal diesen Berg hinuntersausen“, flüstert sie und Wehmut klingt in ihrer Stimme. „Aber in unserem Alter? Das ist Unsinn!“ Sie schüttelt sie den Kopf. „Was würden die Leute sagen?“
Anton sagt nichts. Er schmunzelt nur.
Am Nachmittag sitzt Mimi auf der Couch und schläft. Ihre Brille ist ein wenig verrutscht und ein Buch liegt aufgeschlagen auf ihrem Schoß.
Darauf hat Anton gewartet. Nun schleicht er schnell zum Schuppen hinüber. Dort riecht es nach Holz, Apfelmost und vergangenen Zeiten. Er räumt allerlei Gerät zur Seite, hebt Kisten an, zieht ein paar Bretter hervor. Und dann findet er ihn. Den Schlitten.
Alt ist er. Die Kufen sind stumpf, das Holz ist rau.
Fast liebevoll streicht Anton mit der Hand über den alten Freund.
„Du brauchst eine kleine Schönheitskur“, murmelt er. „Kein Problem! Das kriegen wir schon hin.“
Sorgfältig bearbeitet er das alte Holz, schleift die Kufen und zieht Schrauben nach. Als er fertig ist, lehnt er sich einen Moment zurück und betrachtet voller Vorfreude sein Werk.
Am Abend beginnt es wieder zu schneien und auch Mimi steht wieder am Fenster.
Sie sieht den Flocken zu, wie sie tanzen, wirbeln, sich drehen.
„Komm!“, sagt Anton. „Zieh dir eine warme Jacke an. Und feste Schuhe.“
Mimi dreht sich um. „Jetzt?“, fragt sie. „Was hast du denn vor?“
Anton grinst und bindet ihr einen Schal um, setzt ihr eine Mütze auf, reicht ihr die Handschuhe.
„Du machst es aber spannend“ Mimi lächelt. Sie liebt kleine Geheimnisse und die Überraschungen, die Anton ihr immer wieder bereitet.
„Warte!“, sagt Anton vor dem Haus. „Ich habe etwas vergessen.“
Er verschwindet im Schuppen. Als er zurückkommt, zieht er den Schlitten hinter sich her.
„Aufsetzen, die Dame!“, ruft er. „Die Fahrt beginnt.“
Mimi jubelt. „Anton! Was bist du doch ein verrückter Kerl!“, ruft sie.
Anton lacht. Wie ein Schlittengaul spannt er sich vor den Schlitten und dann zieht er seine Mimi durch den frischen Schnee, durch das Dorf vorbei an dunklen Fenstern unter funkelnden Sternen.
Am Kirchberg bleiben sie stehen.
„Bereit?“, fragt Anton.
Mimi nickt.
Dann rodeln sie. Wieder und wieder. Sie sausen, rutschen, lachen. Der Schnee wirbelt auf, der Wind pfeift. Mimi hält die Hände hoch wie ein Kind. Anton lacht so sehr, dass ihm die Tränen kommen.
„Nicht so laut“, sagt Mimi irgendwann. „Wir wecken noch das ganze Dorf auf.“
Zu spät.
Aus der Dunkelheit tauchen Gestalten auf. Erst eine. Dann zwei. Dann mehr.
Gerda und Manfred. Anneli. Senta. Hans-Peter. Menschen von früher. Mit Schlitten wie früher.
Schon bald ist der Kirchberg voller Lachen.
Alles ist wie früher und wunderschön. Und doch auch anders.
Anton und Mimi stehen nebeneinander, atmen tief durch.
„Warum haben wir das nicht früher gemacht?“, fragt Mimi.
Anton zuckt mit den Schultern. „Vielleicht“, sagt er, „weil man manchmal erst alt genug werden muss, um sich wieder zu trauen.“
Mimi nickt.
Die Schneeflocken rieseln weiter, leise, geduldig, und irgendwo im Dorf denkt vielleicht jemand: So hört sich das Leben gut an. Und richtig.
© Elke Bräunling

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Rodeln wie früher
Kurze Fassung in einfacher Sprache
Es ist eine stille Winternacht.
Viel Schnee ist gefallen.
Mimi steht am Fenster und freut sich.
Anton steht neben ihr.
So viel Schnee gab es lange nicht mehr.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne.
Es ist kalt, aber schön.
Anton und Mimi gehen spazieren.
Der Schnee knirscht unter ihren Füßen.
Sie fühlen sich lebendig.
Am Kirchberg sehen sie Kinder rodeln.
Die Kinder lachen und jubeln.
Mimi erinnert sich an früher.
Auch sie ist hier gerodelt.
Sie wünscht sich, das noch einmal zu tun.
Aber sie denkt:
„In unserem Alter geht das doch nicht.“
Anton hört zu und sagt nichts.
Am Nachmittag schläft Mimi ein.
Anton geht heimlich in den Schuppen.
Dort sucht er den alten Schlitten.
Er repariert ihn sorgfältig.
Am Abend schneit es wieder.
Anton bittet Mimi, sich warm anzuziehen.
Dann zeigt er ihr den Schlitten.
Mimi ist glücklich.
Gemeinsam gehen sie zum Kirchberg.
Sie rodeln, lachen und haben großen Spaß.
Andere Menschen kommen dazu.
Freunde von früher.
Alle lachen zusammen.
Mimi und Anton sind froh.
Manchmal muss man erst alt werden,
um sich wieder etwas zu trauen.
© Elke Bräunling
💬 Fragerunde für Gesprächsrunden
🌨️ Einstieg – Erinnern
1 Wie beginnt die Geschichte?
– In einer stillen Winternacht?
2 Was freut Mimi besonders am Schnee?
– Die Menge? Die Stille? Das Licht?
3 Kennen Sie solche stillen Schneenächte von früher?
🚶♀️ Spaziergang & Gefühle
4 Wie fühlen sich Anton und Mimi beim Spaziergang?
– Müde oder lebendig?
5 Was macht die Kälte mit ihnen?
– Tut sie gut oder eher nicht?
6 Gab es Wintertage, an denen Sie sich besonders wach oder lebendig gefühlt haben?
🛷 Erinnerungen ans Rodeln
7 Was sehen Anton und Mimi am Kirchberg?
– Kinder beim Rodeln?
8 Woran erinnert sich Mimi?
– An ihre eigene Kindheit?
9 Gab es bei Ihnen früher einen Rodelberg oder einen Winterplatz?
10 Was hat Mimi Lust zu tun – und warum traut sie sich erst nicht?
❤️ Mut & Überraschung
11 Was macht Anton, als Mimi schläft?
– Was findet er im Schuppen?
12 Warum ist der Schlitten etwas Besonderes?
13 Haben Sie schon einmal jemandem heimlich eine Freude gemacht oder selbst eine erlebt?
🌟 Freude im Alter
14 Was passiert, als Anton den Schlitten zeigt?
15 Wie fühlen sich Mimi und Anton beim Rodeln?
– Jung? Frei? Glücklich?
16 Warum kommen später noch andere Menschen dazu?
🌙 Nachdenken & Übertragen
17 Was meint Anton mit dem Satz:
„Manchmal muss man erst alt genug werden, um sich wieder zu trauen“?
18 Gibt es etwas, das Sie sich heute eher trauen als früher?
19 Was hat Ihnen in dieser Geschichte besonders gut gefallen?
20 Welche Winterfreude würden Sie gern noch einmal erleben?
