Der Besuch des Glücks
Der Besuch des Glücks
Eine leise Erzählung
„Manchmal klopft das Glück nicht an. Manchmal sitzt es einfach schon da.“
Glück kommt nicht immer mit großem Lärm. Es kommt oft unerwartet. Manchmal sitzt es still am Tisch, wärmt die Hände an einer Tasse Tee und bleibt einfach da.
Diese leise Erzählung lädt dazu ein, Dankbarkeit neu zu hören jenseits schneller Worte und leerer Versprechen.
Mit Kurzfassung in einfacher Sprache und Fragerunde
Der Besuch des Glücks
Der Morgen war kühl und ein feiner Dunst lag über den Gärten.
Die Frau stand am Fenster, die Fingerspitzen an der leicht beschlagenen Scheibe, und atmete langsam aus. In ihrer Hand hielt sie eine dampfende Tasse Tee. Ein vertrauter Duft nach Kräutern wärmte sie von innen, noch bevor sie trank.
„Danke“, sagte sie leise zu dem erwachenden Tag. „Was für ein Glück ich doch habe!Dankeschön.“
„Gern geschehen“, antwortete da plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Die Frau zuckte zusammen. Der Tee in der Tasse schwankte, ein Tropfen rann über ihre Finger.
„Wie bitte? Wer spricht da?“ fragte sie vorsichtig.,
„Oh, hallo! Ich bin es. Das Glück“, antwortete die Stimme. Ein leises Glucksen schwang darin mit, als freute es sich.
„Oha!“ Die Frau lachte leise. „So also beginnt es.“
„Wie beginnt es?“ fragte das Glück. „Was meinst du?“
Die Frau ging zum Tisch, stellte behutsam ihre Tasse ab und holte eine zweite aus dem Schrank.
„Mit Worten, die wir zu schnell sagen“, antwortete sie. „Mit ‚Gern geschehen‘ zum Beispiel. Mit dem, was man so dahinsagt und gleich wieder vergisst.“
Es wurde still. Das Glück schien zu überlegen.
„Ich wollte nichts Falsches sagen“, meinte es schließlich. „Ich dachte, ich sollte höflich sein.“
„Höflichkeit ist etwas Gutes“, antwortete die Frau, während sie den Tee eingoss und die zweite Tasse langsam über den Tisch schob. „Aber Worte sind oft so schnell gesagt und gleich wieder vergessen. Sie bleiben nicht.“
Sie deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. „Setz dich!“
Das Glück nahm Platz. Und mit einem Mal fühlte sich der Raum weniger leer an.
Sie saßen eine Weile schweigend da und lauschten den Klängen des Morgens und dem Zwitschern der Vögel draußen.
„Früher habe ich mich über jedes freundliche Wort gefreut. Über Zuspruch. Über Versprechen, die Hoffnung machten. Ich habe mich an Sätzen festgehalten wie an einem Schal im Winter.“
Sie blies behutsam über den aufsteigenden Tee.
„Heute höre ich anders. Ich höre auf das, was bleibt, wenn die Worte längst verstummt sind.“
Das Glück blickte sie an. Seine Stimme klang sehr leise nun.
„Und… bleibe ich?“
Die Frau legte ihre Hand um die wärmende Tasse, als wolle sie die Antwort erst erfühlen. Dann hob sie den Blick und lächelte.
„Ja“, sagte sie. „Du bist schon da.“
Das Glück schwieg. Und zum ersten Mal hatte es nichts hinzuzufügen.
Die Frau trank einen Schluck Tee, und während die Wärme ihren Magen erreichte, wusste sie: Der Tag würde gut werden.
© Elke Bräunling

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Kurzfassung
Der Besuch des Glücks
Kurzfassung in einfacher Sprache
Eine Frau begrüßt den Morgen voller Dankbarkeit.
Sie bedankt sich für den neuen Tag.
Als sie „Danke“ sagt, antwortet plötzlich eine fremde Stimme.
Es ist das Glück selbst, das spricht.
„Gern geschehen“, sagt es leise.
Zunächst ist die Frau erschrocken.
Dann aber lädt sie das Glück ein, sich zu ihr an den Tisch zu setzen.
„Worte wie ‚gern geschehen“ bedeuten wenig“, erklärt sie dem Glück. „Vor allem, wenn niemand bleibt, nachdem sie verklungen sind.
Das Glück hört zu … und bleibt.
Und die Frau erkennt: Glück ist nicht das, was kommt. Glück ist das, was bereits da ist.
© Elke Bräunling
Fragerunde für Erinnerung, Gespräch und Biografiearbeit
Fragen zum Weiterdenken oder Erzählen:
• Wann hast du das letzte Mal bewusst „Danke“ gesagt – und wofür?
• Erinnerst du dich an einen Moment, in dem du Glück gefühlt hast, ohne dass etwas Besonderes passiert ist?
• Wer hat dir im Leben schon „Gern geschehen“ gesagt – und blieb wirklich da?
• Gibt es Menschen, die für dich Glück bedeuten – einfach durch ihr Dasein?
• Wenn das Glück heute an deine Tür klopfen würde: Würdest du es erkennen? Was würdest du ihm sagen?
