Die Schätze seines Lebens

Die Schätze seines Lebens

Nostalgische Geschichte für Groß und Klein


Titel + Illustration aler Mann sitzt am Schreibtisch und beugt sich über ein Kistchen mit alten FotografienAlte Fotos, ein wichtiges Wissen über sich und seine Vergangenheit

Manche Schätze sind mit Gold und Geld zu bezahlen. Sie liegen verborgen in alten Fotos, vergilbten Briefen und Erinnerungen an Menschen, die unser Leben geprägt haben.
Diese warmherzige Geschichte erzählt davon, warum Erinnerungen oft wertvoller sind als Besitz und warum es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen.
Für Erwachsene und Senioren, besonders geeignet für Erinnerungsarbeit, Biografiegruppen, Demenzbegleitung, ruhige Vorlesestunden und Gespräche über Familie, Herkunft und vergangene Zeiten mit Arbeitsmodul (einfache Fassungen, Fragerunde, Mitmach- und Bewegungsimpulse, Fantasiereise, Sachtext)

Inhalt

 

Die Schätze seines Lebens

Im Regal hinter den großen Buchrücken des großen Meyer* hütete Urgroßvater seinen größten Schatz. Er war ihm so wertvoll, dass er ihn im Tresor in einer Kassette verwahrte. Glänzende Augen bekam er, wenn er von ihm sprach und seine Hände zitterten, wenn er mit feierlicher Miene den kleinen Tresor öffnete und ihm die Kassette entnahm. Er öffnete ihn nur manchmal und seine Hände zitterten auch nur in diesen Augenblicken. Sorgsam stellte er das Kästchen auf ein Samttuch, das er zuvor auf dem Tisch ausgebreitet hatte, und vorsichtig drehte er den alten Schlüssel im Schloss der noch älteren Schatzkiste.
„Hierin ruhen die wichtigsten Schätze meines Lebens“, pflegte er zu sagen, wenn er den Deckel der Kassette, die eher einem Schmuckkästchen glich, hob.
Und klar, als er sie mir beim ersten Mal zeigte, erwartete ich glitzernde und gleißende Schmuckstücke und Goldmünzen, ein paar Geldscheine auch. Aber bestimmt nicht die alten Fotos, die darin ihren Platz hatten. Fotos, nichts als Fotos. Die meisten schwarzweiß und ziemlich alt und abgegriffen.
Urgroßvater musste meinen enttäuschten Blick bemerkt haben, denn er lächelte.
„Es gibt Schätze, die sind mit Schmuck und Gold nicht zu bezahlen“, sagte er. „Eines Tages wirst du verstehen, was ich meine.“
Und dann nahm er mit behutsamen Gesten ein Foto nach dem anderen aus der Kassette, streichelte mit dem Zeigefinger zärtlich über deren Oberfläche und begann zu erzählen. Von den Menschen, die man auf den Fotos sah, den Landschaften, Häusern, Blumen, Bäumen, Erinnerungen. Und in seinen Worten verwandelte sich jedes einzelne von ihnen in einen ganz besonders kostbaren Schatz.
„Meine Schätze!“, sagte er und seine Augen leuchteten wie kleine Funkelfeuer. „Die Menschen meines Lebens, die vor mir oder mit mir gelebt haben. Die Orte, die Begegnungen, die Augenblicke. Sie alle möchte ich nie vergessen. Die Erinnerungen sind mir wertvoller als alles Geld und Gold der Welt.“
Fotos? Wie konnten Fotos für Urgroßvater so wichtig sein? Die hatte doch jeder auf dem Handy, in Alben oder auf Festplatten.
Und weil ich ihn immer noch ungläubig ansah, erzählte er mir von der Zeit, in der er ein Junge gewesen war und in der der Krieg auch in seinem Leben gewütet hatte. Eine Nacht des Feuers hatte genügt, um alle Erinnerungen an früher zu verwüsten. Weh getan hatte es ihm, so weh, dass er sein Leben lang seine Erinnerungen wieder neu suchte. Bei Verwandten hatte er gesucht, bei Bekannten, sogar in Antiquariaten und auf Flohmärkten, später im Internet. Immer wieder mal war er mit einzelnen Bildern fündig geworden und sein Schatz war immer kostbarer geworden.
„Weißt du“, hatte er gesagt und sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln gewischt. „Es ist so wichtig, zu wissen, woher man kommt. Wenn du deine Vergangenheit, deine Ahnen und Wurzeln, kennst, stehst du stabiler im Leben und kannst mit all dem, was dich in der Zukunft erwartet, besser umgehen.“
Das klang sehr wichtig und bedeutsam. Ich hatte es begriffen und mit seinem Foto-Schatz ist Urgroßvater für mich unvergessen geblieben. Auch heute noch, lange nach seinem Tod, gibt es fast täglich Momente, in denen ich an ihn denke und für mein Leben mit dem Fotoapparat meine Schätze nun sammle. Für meine Schatzkassette. Die steht in einem Tresor hinter dem Bücherregal neben Urgroßvaters Schatzkassette und die beiden passen gut zusammen. Vielleicht unterhalten sie sich manchmal miteinander. Weiß man es?
Ach ja, Münzen und Schmuckstücke besaß Urgroßvater auch. Sie lagen achtlos herum irgendwo auf Regalen und Schränken, sogar auf Büchern. Sie waren nicht wichtig. Sie sind es auch nicht.

© Elke Bräunling

*Der große Meyer ist ein mehrbändiges Lexikon – Meyers Konversations-Lexikon

Illustration aler Mann sitzt am Schreibtisch und beugt sich über ein Kistchen mit alten Fotografien


Die nachfolgenden Gedanken und Texte vertiefen die Geschichte und laden zum Erinnern, Nachdenken und Mitfühlen ein.

Diese Versionen sind sprachliche Bearbeitungen derselben Geschichte zur besseren Zugänglichkeit und stellen keine eigenständigen Werke dar.

Die Schätze seines Lebens – Einfache Fassung

Urgroßvater hatte einen kleinen Tresor hinter seinem Bücherregal versteckt.
Darin stand eine alte Kassette.
Immer wenn er sie öffnete, wurde er ganz ruhig und feierlich.
„Hier liegen die größten Schätze meines Lebens“, sagte er dann.
Als Kind dachte ich zuerst an Gold und Schmuck.
Oder an Geld.
Doch in der Kassette lagen nur alte Fotos.
Schwarzweiße Bilder.
Abgegriffene Fotos mit Menschen, Häusern und Landschaften darauf.
Ich verstand das damals nicht.
Urgroßvater aber nahm jedes Bild vorsichtig in die Hand und begann zu erzählen.
Von seiner Familie.
Von früher.
Von Menschen, die längst gestorben waren.
Von Orten, die es vielleicht gar nicht mehr gab.
Seine Augen leuchteten dabei.
„Erinnerungen sind wertvoller als Geld“, sagte er. „Denn sie erzählen uns, wer wir sind.“
Dann berichtete er von seiner Kindheit im Krieg.
Ein großes Feuer hatte damals fast alles zerstört.
Auch die alten Familienfotos.
Viele Jahre lang suchte er später nach seinen Erinnerungen aus seiner Kindheit.
Aus der Stadt, in der er lebte.
Er suchte bei Verwandten, Bekannten, auf Flohmärkten und irgendwann auch im Internet.
Jedes neu gefundene Erinnerungsfoto wurde für ihn so ein kleiner Schatz.
Langsam verstand ich, warum ihm diese Bilder so wichtig waren.
Heute sammle ich selbst Erinnerungen.
Fotos von Menschen und von besonderen Augenblicken. Von Orten, die mir wichtig sind.
Ich lebe sie wie Urgroßvater auch in eine kleine Blechkiste.
Die steht nun neben Urgroßvaters Schatzkiste, und manchmal denke ich:
Vielleicht sprechen die beiden Schatzkassetten heimlich miteinander?
Seine und meine.
Wer weiß das schon?
© Elke Bräunling

 

Die Schätze seines Lebens – Sehr einfache Fassung

Urgroßvater hatte einen Schatz.
Der Schatz lag in einer kleinen Kassette.
Darin waren alte Fotos.
„Das sind die wichtigsten Dinge meines Lebens“, sagte er.
Früher gingen viele Bilder im Krieg verloren.
Darum suchte Urgroßvater lange nach alten Fotos.
Er liebte Erinnerungen mehr als Geld oder Schmuck.
Heute sammle ich selbst Fotos.
Und manchmal denke ich an ihn.
© Elke Bräunling

Fragerunde zur Geschichte

👉 Zum Verstehen
• Was bewahrte Urgroßvater in seiner Schatzkassette auf?
• Warum waren die alten Fotos für ihn so wertvoll?
• Was war im Krieg verloren gegangen?
• Warum suchte Urgroßvater viele Jahre nach alten Bildern?
👉 Zum Nachdenken
• Kann eine Erinnerung wertvoller sein als Geld oder Schmuck?
• Warum möchten Menschen wissen, woher sie kommen?
• Was macht einen echten Schatz aus?
• Welche Dinge würden wir heute retten, wenn alles verloren ginge?
👉 Zum Erzählen
• Gibt es in deiner Familie alte Fotos oder Erinnerungsstücke?
• Wer bewahrt sie auf?
• Hast du ein Lieblingsfoto aus deiner Kindheit?
• Welche Menschen auf alten Bildern kennst du noch persönlich?
👉 Erinnerungen an früher
• Wurden früher viele Fotos gemacht oder eher selten?
• Gab es in der Familie Fotoalben?
• Wer hatte den Fotoapparat?
• Wie wurden Bilder früher angeschaut oder aufbewahrt?
👉 Für Senioren / Biografiearbeit
• Gibt es ein Bild, das Sie niemals weggeben würden?
• Welche Erinnerungen sind Ihnen besonders kostbar geblieben?
• Haben Sie selbst einmal Erinnerungen oder Fotos verloren?
• Welche Menschen aus Ihrer Vergangenheit begleiten Sie noch heute in Gedanken?
👉 Abschlussfrage
• Was gehört zu den wichtigsten Schätzen Ihres Lebens?

 

Sachtext: Fotos und Erinnerungen

Früher waren Fotos etwas Besonderes. Nicht jeder besaß einen Fotoapparat und Handys zum Fotografieren gab es auch nicht. Die meisten Bilder entstanden damals nur zu besonderen Anlässen: bei Hochzeiten, Taufen, Geburtstagen oder Familienfesten oder auf Reisen und Ausflügen. Oft ging man extra zu einem Fotografen. Die Menschen zogen ihre besten Kleider an und stellten sich feierlich vor die Kamera.
Fotos waren kostbar und wurden sorgfältig aufbewahrt in Alben, Schachteln oder kleinen Kästchen. Auch heute sind diese alten Schwarzweißbilder sehr wertvoll, erzählen sie uns doch viel über das Leben früher: über Menschen, Gesichter, Kleidung, Häuser, Familien und vergangene Zeiten. Sie verwahren unsere Geschichte für uns.
Für viele ältere Menschen sind solche Fotos heute wertvolle Erinnerungen. Sie zeigen die Menschen, die man geliebt hat. Und sie erinnern an Momente, die nie wiederkommen.
Im Laufe des Lebens verändern sich viele Dinge. Manches verliert an Bedeutung, doch Erinnerungen werden immer kostbarer. Mit einem alten Foto, einem alten Brief, einer kleinen Uhr oder einem Spielzeug reist man für Momente in die eigene Vergangenheit zurück.
Fotos sind Erinnerungen an Menschen und wichtige Augenblicke. Besonders nach schweren Zeiten, nach Verlusten oder Kriegen, wurden Erinnerungsstücke oft zu echten Schätzen. Viele Menschen hatten im Laufe ihres Lebens nicht nur Häuser oder Besitz, sondern auch Bilder ihrer Familien und ihrer Vergangenheit verloren. Damit fehlen nun leider auch viele Erinnerungen, die eigenen ebenso wie die ihrer Nachfahren, die dadurch vieles aus dem Leben ihrer ahnen nicht kennenlernen konnten.
Erinnerungen aber sind wichtig. Sie geben Halt im Leben. Wer sich erinnert, spürt oft:
Ich gehöre irgendwohin. Ich habe eine Geschichte. Ich bin nicht allein.
Gerade Familienfotos verbinden Generationen miteinander. Während die Großeltern aus ihren Erinnerungen noch erzählen können, sehen ihre Kinder und Enkel ihre Ahnen und Wurzeln oft nur noch in alten Fotos oder Briefen.
So genügt manchmal schon ein einziges Bild, um viele Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen. Vielleicht sind Erinnerungen deshalb oft wertvoller als Dinge aus Gold oder Silber. Sie begleiten Menschen ein Leben lang und weit darüber hinaus.

 

Mitmachideen für Senioren

📷 Alte Fotos anschauen
Gemeinsam Bilder betrachten und erzählen:
Wer ist darauf zu sehen?
Wo entstand das Foto?
Wie alt mag dieses Foto sein?
Von welcher Zeit erzählt es uns heute?
🧳 Erinnerungskiste
Kleine Erinnerungsstücke mitbringen:
Briefe, Fotos, Knöpfe oder Schmuckstücke
✍️ Familiennamen sammeln
Namen von Eltern, Großeltern oder Heimatorten aufschreiben
☀️ Lieblingsbild
„Welches Foto würden Sie retten, wenn Sie nur eines behalten dürften?“
🕰 Erinnerungen teilen
Eine kleine Geschichte zu einem alten Bild erzählen

 

Bewegungsimpuls: Erinnerungen behutsam bewegen

📸 Ein Bild halten
Die Hände langsam öffnen
Als würden Sie ein altes Foto betrachten
🌿 Erinnerungen streicheln
Mit den Fingerspitzen sanft über die Handfläche streichen
🕰 Zeit spüren
Die Hände ruhig zusammenlegen
Und langsam atmen
☀️ Zum Abschluss
Die Hände locker sinken lassen
Und einen Moment nachspüren

 

Fantasiereise: Die alte Schatzkassette

Setzen Sie sich bequem hin.
Atmen Sie ruhig ein … und wieder aus.
Nun stellen Sie sich einen alten Raum vor.
Ein Bücherregal steht an der Wand.
Dahinter verborgen befindet sich ein kleiner Tresor.
Langsam wird er geöffnet.
Darin steht eine alte Kassette.
Sie wird vorsichtig auf ein weiches Tuch gestellt.
Nun öffnet sich der Deckel.
Darin liegen alte Fotos.
Vergilbte Bilder.
Menschen von früher.
Häuser.
Gärten.
Gesichter.
Vielleicht erkennen Sie jemanden.
Vielleicht erinnert Sie ein Bild an früher.
Nehmen Sie eines der Fotos behutsam in die Hand.
Schauen Sie es in Ruhe an.
Vielleicht hören Sie Stimmen.
Vielleicht fällt Ihnen ein Name ein
Oder ein Ort.
Bleiben Sie einen kleinen Moment bei dieser Erinnerung.
Spüren Sie:
Wie wertvoll solche Bilder sein können.
Dann legen Sie das Foto langsam wieder zurück in die Kassette.
Schließen Sie den Deckel behutsam.
Und kehren Sie langsam wieder zurück.
Mit einem ruhigen Gefühl.
Und vielleicht mit einer schönen Erinnerung.

💬 Vielleicht möchten Sie nun von Ihrer schönsten Erinnerung erzählen?

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