Oma Wolke und die Schätze der Natur

Kindergeschichte zur Nachhaltigkeit – Fallobst kann man auch essen

„Ich glaube“, sagte Oma Wolke zu den Nachbarkindern Pia und Pit, „ich sollte heute noch mit meinem Sammelkorb in die Feldwege gehen. „Der Gewittersturm der letzten Nacht hat bestimmt viele Früchte von den Bäumen gerissen. Bevor die alle verfaulen, sollte man sie retten.“
Pia und Pit nickten.
„Gute Idee“, sagte Pia. „Darf ich mitkommen? Ich kann dir helfen.“
„Ich auch“, rief Pit und rieb sich den Bauch. „Der Kuchen mit den Birnen, die wir gestern am Straßenrand gefunden haben, schmeckt so lecker. Jetzt habe ich ganz viel Lust bekommen habe, noch viel mehr ‚gefallenes’ Obst zu retten.“
„Gerne! Kommt mit!“ Oma Wolke schmunzelte. „Aber sagt: Gestern war es euch peinlich, die Früchte vom Boden einzusammeln. Weil sie angefault oder beschädigt waren und weil sie am Wegrand lagen. Ist es das nun nicht mehr?“
Pias Wangen röteten sich vor Verlegenheit. Es stimmte: Gestern hatte sie es als hochnotmegapeinlich empfunden, sich nach den angestoßenen Birnen zu bücken. Ein bisschen sah es ja doch aus, als könne man es sich nicht leisten, frisches Obst zu kaufen.
„Es soll ja nun wirklich nicht auf dem Boden verfaulen und am Ende auf dem Müll landen“, murmelte sie. „Außerdem ist es mir jetzt egal, was die Leute denken.“
Pit nickte. „Dieses Obst ist auch wertvoll und lecker und man kann es prima essen. Besonders in einem coolen Oma-Wolke-Kuchen.“ Er schielte zu dem Teller mit dem Birnenkuchen hinüber. „Dürfen wir bitte noch ein Stück haben? Als Wegzehrung.“
Oma Wolke nickte. „Aber ja. Gerne.“
Und dann legte sie jedem ein großes Kuchenstück auf den Teller.
„Man kann aus Fallobst noch viele andere feine Dinge zaubern“, sagte sie. „Marmelade oder Gelee zum Beispiel, Kompott oder Mus, Nachspeisen, Kekse, Trockenobstringe, Geleepralinen, Saft, Obstwein …“ Sie lachte. „Ja, sogar Schnaps.“
Die Kinder staunten. Das klang alles sehr lecker. Bis auf den Schnaps natürlich und den Wein.
„Als ich so alt war wie ihr, mussten wir alles Essbare, das wir unterwegs fanden, aufsammeln“, fuhr Oma Wolke fort. „Jene Erinnerungen und Geschichten von früher sind lästig, doch wir waren darauf angewiesen, Früchte, Beeren, Kräuter, Kastanien, Nüsse, Pilze und andere Geschenke, die die Natur für uns bereit hielt, sorgsam aufzusammeln und mit Ehrfurcht zu behandeln. All diese Schätze hatte meine Großmutter dann eingeweckt und eingekocht, damit wir auch im Winter satt wurden und unsere nötigen Vitamine zu uns nehmen konnten. Das war nach dem großen Krieg und den Hungerjahren sehr wichtig. Unsere Eltern hatten auch nur wenig Geld, um teures Obst und Gemüse zu kaufen. Um jedes Kraut, jede Frucht, die wir unterwegs fanden, waren wir daher dankbar. Und ehrlich, es schmeckte umso leckerer, denn es war schwer verdient.“
Pit nickte. „Das kann ich gut verstehen. Alles, was man selbst sammelt oder erntet, schmeckt besser. Das sagen Mama und Papa auch immer.“
„Es ist ja auch doof, wenn all die reifen Früchte verfaulen würden, nur, weil wir keine Lust zum Sammeln haben – oder weil wir uns vielleicht auch ein bisschen genieren“, ergänzte Pia. „Dazu braucht man keinen Krieg, um das zu kapieren.“
Oma Wolke nickte und schwieg. Mehr mochte sie dazu gerade nicht sagen. Es tat nicht immer gut, sich zu erinnern.

© Elke Bräunling

Lies dazu auch die Geschichte Oma Wolke und die faulen Früchte und das Gedicht Bei Oma im Herbst

 

Bildquelle © sipa/pixabay

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